Algeriens neue Chancen für eine engere Anbindung an Europa

Die kalte Jahreszeit rückt trotz Erderwärmung wieder näher, Herbst und Winter nahen in Europa!

Aufgrund der russischen Invasion in der Ukraine und der Erpressungsversuche Putins gegenüber den europäischen Importeuren von russischen Rohstoffen wird nun eiligst in Brüssel, Berlin, Rom und anderen EU-Metropolen nach Alternativen gesucht, um Industrie und Haushalte mit Erdgas zu versorgen.

Deutschland als ein Land mit einer besonderen Abhängigkeit von russischem Gas ist bereits aktiv geworden, mit neuen Kooperationen in Katar, Ägypten, den USA, Norwegen und den Niederlanden.

Es sind aber auch andere EU-Länder hungrig nach alternativen Gas-Exporteuren sind, zumal in Brüssel noch nicht zur Gänze geklärt ist, ob auch wirklich alle Mitgliedsländer bei einer massiven Verknappung des Rohstoffes solidarisch gegenüber ihren Partnern sein werden.

Italien hat nun den Fokus auf Algerien gerichtet: Das Land ist bereits heute mit rund elf Prozent drittgrößter Erdgaslieferant Europas und will nun die Liefermengen aufstocken – und soll bald Russland als Hauptlieferanten ablösen. Ende Juli besuchte der italienische Premierminister Mario Draghi Algier, schon im Mai begannen Gespräche zwischen den beiden Ländern über die Erhöhungen von Gasliefermengen.

Beide Regierungschefs vereinbarten die Erhöhung der Gaslieferungen. Das nordafrikanische Land wird Italien in den kommenden Monaten vier Milliarden Kubikmeter mehr Gas liefern – zusätzlich zu den ohnehin vereinbarten 21 Milliarden Kubikmetern im Jahr.

Die Gasreserven Algeriens belaufen sich auf über 2 Billionen Kubikmeter und das Land ist größter Gasexporteur Afrikas und siebtgrößter weltweit. 83 Prozent der algerischen Gasexporte gehen nach Europa, hauptsächlich nach Spanien und Italien, mit denen langjährige Verträge laufen.

Aber auch regionale Konflikte in Nordafrika spielen wohl eine nicht unerhebliche Rolle bei den Verhandlungen zwischen Algier und Rom, der Leidtragende wäre hier Spanien, ein bislang wichtiger Abnehmer algerischen Erdgases. Im Frühjahr hatte der spanische Regierungschef Sánchez die von Marokko präsentierte Autonomie-Initiative für die umstrittene Region der Westsahara als unterstützenswert bezeichnet und damit den marokkanischen Anspruch auf das Gebiet de facto anerkannt. In Reaktion auf Madrids Kurswechsel kündigte daraufhin Algeriens Staatschef Tebboune den über 40 Jahren alten Freundschaftsvertrag mit Spanien. Für noch mehr Ärger in Algier sorgte dann die Ankündigung aus Madrid, künftig aus Algerien importiertes Gas auch nach Marokko zu liefern. Es blieb bei Drohungen aus Algier, den Gasexport auf die iberische Halbinsel zu kappen. Stattdessen wird Algerien die derzeit noch geringen Gaspreise für Spanien erhöhen.

Italien präsentiert sich nun gegenüber Algerien als neuer Absatzmarkt und der EU als Zwischenlieferant für die Gasversorgung in Mitteleuropa – zumal die spanischen Gasspeicher mit algerischem Gas noch immer nicht an Frankreich angebunden sind. Dennoch bezweifeln Experten, ob Algerien tatsächlich die Versorgungslücke schließen kann – dafür müsste erheblich in den Ausbau der Produktionskapazitäten investiert werden.

Ob die zusätzlichen Gaslieferungen nach Italien ausreichen werden, um weitere europäische Länder zu beliefern, ist fraglich. Denn obwohl die Liefermengen nach Italien aufgestockt werden, wird Algerien damit auch künftig nur rund ein Fünftel von dem kompensieren können, was zuvor Russland geliefert hatte.

Die neue Kooperation soll keine Notlösung bleiben, sondern vielmehr langfristig Italiens und Europas Erdgasversorgung diversifizieren. Zudem hat Algerien bislang kaum seine Schiefergasreserven erschlossen – mit der Fracking Methode könnte das Land an Erdgasvorräte großen Umfangs kommen, wie Experten vermuten – und dann noch mehr Gas nach Europa verkaufen.

Zudem hat Algerien wieder die Idee ins Spiel gebracht, eine Gaspipeline durch die Sahara zu errichten. Mit dem Transport von Erdgas aus Nigeria über Algerien nach Europa würde das nordafrikanische Land langfristig zu einem Knotenpunkt zwischen beiden Kontinenten werden – und Algerien noch bedeutender für Europas Energiesicherheit.

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