Anklage gegen Chefideologen der Muslimbruderschaft in Frankreich

Tariq Ramadan, Schweizer Chefdenker der islamistischen Muslimbruderschaft, wird wegen Vergewaltigung in mehreren Fällen von der Staatsanwaltschaft angeklagt

Der Vordenker des legalistischen Islam in Europa wurde von der Staatsanwaltschaft in Paris nach mehrjährigen Ermittlungen angeklagt. Der Schweizer Staatsbürger, Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, wird der Vergewaltigung beschuldigt. Trotz seiner islamistischen Ansichten galt Tariq Ramadan bei vielen Muslimen, aber auch bei Nichtgläubigen als das Gesicht eines modernen europäischen Islams. Er war durch eine Spende aus Katar Professor in Oxford und häufiger Gast in Talkshows und beliebter Ansprechpartner der Politik. Diese publikumswirksamen Auftritte, bei denen er immer wieder einem rückwärtsgewandten und politischen Islam das Wort redete, waren vorbei, nachdem die ersten Vorwürfe gegen ihn auftauchten.

Trotzdem blieb gerade in Europa ein Aufschrei gegen die Ikone des politischen Islam aus. Bereits 2017 bezichtigte eine Aussteigerin aus der Salafisten-Szene Ramadan der Vergewaltigung, später meldeten sich noch weitere Frauen bei der französischen Polizei, insgesamt kam es zu sechs Anzeigen von Frauen gegen ihn.

Die Vorwürfe gegen Ramadan setzen ein Zeichen in der #metoo-Debatte im muslimischen Umfeld: Tausende teilen seit 2018 unter dem Hashtag #MosqueMeToo Übergriffe in Moscheen, in Koranschulen, durch Imame und während Pilgerreisen sowie Repressionen durch Familie und Gesellschaft und werden daraufhin sehr häufig angegriffen, entweder „islamophob“ und rassistisch zu sein oder aber den Koran zu entehren.

Letzte Woche beantragte nun die Pariser Staatsanwaltschaft ein Schwurgerichtsverfahren gegen den Schweizer Islamologen, wegen Vergewaltigung gegen drei Opfer und wegen Vergewaltigung einer schutzbedürftigen Person gegen ein viertes Opfer.

„Trotz der wiederholten Dementis des Angeklagten haben die gerichtlichen Ermittlungen zahlreiche Beweise gegen Tariq Ramadan zusammengetragen“, betont die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage. Ramadan hatte zunächst bestritten, außereheliche sexuelle Beziehungen gehabt zu haben, bevor er schließlich angesichts der Beweislage erklärte, es handele sich um „einvernehmliche Herrschaftsverhältnisse (…)“ mit den Opfern.

Ramadans Anwälte sind hingegen der Meinung, dass die Anzeigen der Frauen das Ergebnis „sentimentaler oder sexueller Enttäuschungen“ seien, sie sprechen sogar von einem politischen Komplott gegen ihren Mandanten. Bis heute behauptet Ramadan, die Anzeigen seien Resultat einer islamophoben Verschwörung. Seit er gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, störte er eine Veranstaltung über Gewalt gegen Frauen und gründete sogar ein Institut, an dem unter anderem Feminismus unterrichtet werden soll. Beides werten Beobachter als kalkulierte Provokation. Trotz weiterer Vorwürfe in der Schweiz übernahm Ramadan bisher keine Verantwortung für sein Fehlverhalten.

Als „islamischer Popstar“ erfand Ramadan den islamischen Feminismus mit, der im Auftreten modern, aber in der Sicht auf Frauen traditionell patriarchalisch ist. Ihm gegenüber stehen muslimische Frauenrechtlerinnen, die Reformen wollen. Eine kleine Gruppe dieser Frauen trat 2017 an die Seite einer der Opfer. Sie schrieben: „Zu glauben, dass ein Mann unschuldig ist, nur weil eine Klägerin eine islamophobe Rhetorik bestätigen könnte, spielt dem Gesetz der Omertà in die Hände.“

„Nach fünf sehr schwierigen Jahren erwartet Frau A. nun gelassen die Entscheidung der Ermittlungsrichter“, so deren Anwälte Nathanaël Majster, Jonas Haddad, Grégoire Leclerc und Jérémy Klaffen. „Es erscheint uns entscheidend, dass ein Schwurgericht über das kriminelle und frauenverachtende Verhalten von Tariq Ramadan entscheidet“, fügten sie hinzu. Ramadan, der normalerweise in sozialen Netzwerken täglich präsent ist, reagierte dort bislang nicht. Die endgültige Entscheidung über einen Prozess gegen den Islamisten liegt nun bei den für diesen Fall zuständigen Ermittlungsrichtern.

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