
Die Debatte über die Entwaffnung der vom Iran unterstützten Hisbollah spitzt sich im Libanon zu. Die Regierung hat mit einem Kabinettsbeschluss einen US-Plan gebilligt, wonach bis Ende 2025 alle Waffen des Landes unter staatliche Kontrolle gestellt werden müssen. Damit zielt der Beschluss faktisch auf die Entwaffnung der Hisbollah – des mächtigsten nichtstaatlichen Akteurs im Libanon seit Jahrzehnten.
US-Sondergesandter Tom Barrack gratulierte Premierminister Nawaf Salam, Präsident Joseph Aoun und dem Kabinett zu einer „historischen, mutigen und richtigen Entscheidung“. Er sprach von einem ersten konkreten Schritt zur Umsetzung des Prinzips „ein Land, eine Armee“.
Doch die Forderung, die Hisbollah zu entwaffnen, ist ein riskantes politisches Wagnis. Viele fürchten, dass das Land in eine neue Krise stürzt, wenn Minister der Hisbollah aus Protest zurücktreten. Andere warnen vor einem Bürgerkrieg – inmitten der ohnehin fragilen Lage in der Region.
Schwierige Umsetzung
Analysten halten eine vollständige Entwaffnung der Hisbollah für äußerst schwierig. Die Miliz verfügt über ein riesiges Waffenarsenal, das durch jahrzehntelange iranische Unterstützung modernisiert wurde – und in vielen Bereichen die Fähigkeiten der libanesischen Armee (LAF) übertrifft. Besonders im Süden bleibt die Hisbollah militärisch dominant. Experten warnen, dass sie im Ernstfall einem Vorgehen der Armee standhalten und zumindest ein Patt erzwingen könnte.
Hinzu kommt: Die Hisbollah kann politische Entscheidungen über ihre Allianzen blockieren. Gemeinsam mit der Amal-Bewegung – dem sogenannten „schiitischen Duo“ – lehnt sie jede Entwaffnung ab. Sie könnte Hunderttausende Anhänger mobilisieren oder die Regierung durch einen Rückzug destabilisieren.
Ein Befehl an die Armee, gegen die Hisbollah vorzugehen, birgt die Gefahr eines Bürgerkriegs. Rund 60 Prozent der einfachen Soldaten sind Schiiten, viele aus dem Süden und der Bekaa-Ebene. Dass sie gegen ihre eigenen Gemeinden vorgehen würden, gilt als unrealistisch. Die Erfahrungen des zweiten libanesischen Bürgerkriegs, als die Armee entlang konfessioneller Linien zerfiel, sind bis heute präsent.
Symbolik in den palästinensischen Lagern
Erstmals hat die libanesische Armee Waffen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager eingesammelt. Ein Lastwagen mit verdeckter Ladung verließ das Burj-al-Barajneh-Lager bei Beirut. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bestätigte eine Vereinbarung mit dem Libanon, wonach weitere Übergaben folgen sollen.
Doch Beobachter in Israel sehen darin vor allem Symbolik. Der ehemalige israelische Offizier Jacques Neriah sprach von „Theater“: eine sorgfältig inszenierte Aktion ohne echte Wirkung. Denn starke Gruppierungen wie Hamas oder der Islamische Dschihad lehnen jede Abgabe von Waffen ab, und die Autorität des libanesischen Staates in den Lagern bleibt minimal. Befürworter sehen darin trotzdem einen Testlauf: Gelingt es, die Waffenfrage in den Lagern zu kontrollieren, könnte dies ein Modell für die Entwaffnung der Hisbollah sein. Israel beobachtet die Vorgänge indes mit Argwohn.
Der US-Plan
Diesmal zeigt sich Washington entschlossener. Der Kern: Entwaffnung – oder der Libanon muss alleine zurechtkommen. Die USA haben ein Anreizpaket geschnürt, das auf wirtschaftliche Unterstützung setzt. Saudi-Arabien und Katar sollen in eine Sonderwirtschaftszone im Süden investieren, um ehemaligen Kämpfern neue Jobs zu verschaffen. Israels Premier Benjamin Netanjahu stellte sogar einen teilweisen Rückzug aus dem Südlibanon in Aussicht.
Die größte Herausforderung bleibt die Reintegration der Kämpfer. Rund 40.000 Menschen werden direkt vom Iran bezahlt. „Man kann ihnen nicht einfach die Waffen abnehmen und sagen: Viel Glück beim Olivenanbau“, so Barrack. Stattdessen müsse ein wirtschaftliches Forum für nachhaltige Perspektiven geschaffen werden.
Gleichzeitig will Washington die libanesische Armee stärken – und nicht länger die UN-Truppe UNIFIL. Doch jede Andeutung israelischer „Hilfe“ birgt innenpolitische Risiken: In den Augen vieler Libanesen stützt dies die Hisbollah-Erzählung, die Regierung handle im Auftrag Israels.
Gefahr eines Bürgerkriegs
Noch nie seit 1990 hat eine libanesische Regierung so offen die Entwaffnung der Hisbollah beschlossen. Doch je mehr Druck ausgeübt wird, desto größer das Risiko einer Eskalation. Viele Experten plädieren für einen schrittweisen Prozess, der Institutionen stärkt und Kämpfer integriert. Die Gefahr: Zeit spielt der Hisbollah in die Hände. Sie setzt auf Verzögerung und darauf, dass der politische Wille erlahmt.
Die Hisbollah hat bereits erklärt, ihre Waffen nicht abzugeben – selbst wenn dies einen Bürgerkrieg bedeute. Sie betrachtet ihr Arsenal als „Identität und Ehre“ und zugleich als Schutzschild gegen Israel. Seit 2017 begründet sie ihre Bewaffnung zudem mit dem Kampf gegen sunnitische Extremisten.
Optionen der Hisbollah
Die Hisbollah kann mit dem Rücktritt ihrer Minister die Regierung lahmlegen, ihre Basis mobilisieren oder die Konfrontation mit der Armee suchen. Letzteres könnte jedoch ihre Legitimität im Land untergraben. Ein Krieg mit Israel bleibt eine weitere Eskalationsoption – mit verheerenden Folgen.
Iran bleibt dabei der entscheidende Faktor. Während Hardliner die Hisbollah stützen, gibt es auch Stimmen in Teheran, die vor weiterer Einmischung warnen. Doch ohne Zustimmung Teherans wird sich die Hisbollah kaum bewegen.
Fazit
- Die Entwaffnung der Hisbollah ist aufgrund ihres Arsenals, iranischer Unterstützung und gesellschaftlicher Verwurzelung höchst schwierig.
- Erste Schritte in den palästinensischen Lagern sind symbolisch, aber keine substanzielle Wende.
- Der US-Plan verknüpft Entwaffnung mit Investitionen und Sicherheitsgarantien – birgt aber das Risiko, die libanesische Regierung als „israelisches Werkzeug“ erscheinen zu lassen.
- Ein zu rasches Vorgehen könnte den Libanon destabilisieren. Zeit aber stärkt die Hisbollah.
- Letztlich bleibt die Miliz ein „Staat im Staat“ – und die zentrale Hürde für Libanons Souveränität.







