Das Mullah-Regime und Europas Zwickmühle

Drei Monate nach dem Krieg mit Israel zeigt sich Teheran nach außen erstaunlich ungerührt. Die Schäden sind sichtbar: zerstörte Stockwerke im Norden, Einschläge im Zentrum, ein verwundetes Staatsfernsehen. Doch in den Straßen redet niemand darüber. Die Menschen haben gelernt, zu schweigen – aus Angst, aus Resignation, aus dem Wissen heraus, dass offene Worte gefährlich sein können. Das Regime diktiert, was erinnert werden darf und was nicht. Die Parole lautet: Alltag vortäuschen, weitergehen, vergessen.
Hinter der Fassade der Normalität verbirgt sich jedoch ein traumatisches Erlebnis für die Machthaber. Der Krieg hat ihnen die eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt. Israel konnte ungestraft den Luftraum dominieren, präzise Ziele in der Hauptstadt angreifen, selbst hochrangige Funktionäre und Atomexperten bedrohen. Ayatollah Ali Chamenei, der „Oberste Führer“, hat sich seitdem kaum mehr öffentlich gezeigt – ein symbolträchtiges Zeichen der Unsicherheit an der Spitze.
Teheran reagiert darauf mit einer Rhetorik der Härte. Weniger islamistisch, stärker nationalistisch: Wir gegen den Westen, wir gegen Israel. Doch hinter den Phrasen steht die nackte Angst. Niemand im Machtapparat will einen neuen Krieg, zu groß ist das Ungleichgewicht gegenüber Israel.
Umso heftiger reagiert das Regime auf Worte, die es als Demütigung empfindet. Dass Bundeskanzler Friedrich Merz Israels Angriffe als „Drecksarbeit“ für den Westen bezeichnete, hallt in Teheran nach. Außenamtssprecher Esmail Baghaei echauffiert sich noch Wochen später über das Zitat. Für ihn klingt es wie ein Eingeständnis, dass Deutschland Israels Bombardements politisch gedeckt habe. Damit sei Berlin als Vermittler verbrannt.
Diese Empfindlichkeit ist entlarvend. Wer so scharf auf Worte reagiert, weiß, wie schwach seine eigene Position ist. Es ist nicht die Stärke des Regimes, die Baghaeis diplomatisches Lächeln trägt, sondern das Bedürfnis, Europa von neuem an den Verhandlungstisch zu ziehen – möglichst ohne die Deutschen.
Im Zentrum der Gespräche steht erneut das iranische Atomprogramm. 2015 versprach Teheran, die Anreicherung auf 3,67 Prozent zu beschränken – weit entfernt von waffentauglichem Material. Im Gegenzug fielen die UN-Sanktionen. Drei Jahre später riss Donald Trump das Abkommen ein, seither hat Iran die Grenzen weit überschritten. Heute reichert es auf 60 Prozent an – nur einen Schritt von der Bombe entfernt.
Dass das Regime gleichzeitig auf seiner friedlichen Absicht beharrt, ist das altbekannte Doppelspiel. Vor der eigenen Bevölkerung beschwört man die nationale Stärke, gegenüber Europa betont man Gesprächsbereitschaft. Doch Fakt ist: Kein anderes Land ohne Atomwaffen betreibt derart hochangereicherte Produktion. Wer Teheran glaubt, glaubt wider besseres Wissen.
Jetzt, im Spätsommer, steht Europa vor der Entscheidung. Mit dem Snapback-Mechanismus könnten die alten Sanktionen wieder in Kraft treten. Alles hängt davon ab, ob Frankreich, Großbritannien oder Deutschland den Schritt bei den Vereinten Nationen einleiten. Die Frist läuft Ende August ab.
Für Europa ist das Dilemma offenkundig. Einerseits weiß man, dass Teheran nur unter massivem Druck zu Zugeständnissen bereit ist. Andererseits fürchtet man die Konsequenzen: eine neue Eskalation, einen offenen Krieg, womöglich einen Sturz des Regimes ins Chaos. Iran ist mit seinen inneren Spannungen, seiner jungen, unzufriedenen Bevölkerung und der angeschlagenen Wirtschaft ein Pulverfass. Sanktionen könnten das Land destabilisieren – oder das Regime noch repressiver machen.
Politologen wie Ebrahim Mottaghi deuten die Lage klar: Iran befindet sich in der Defensive. Ein neuer Krieg gegen Israel wäre aussichtslos, Chamenei selbst müsste um sein Leben fürchten. Doch gerade diese Defensive macht das Regime unberechenbar. Wenn es keine Zugeständnisse an Europa macht, könnte es sich gezwungen sehen, erneut die Eskalation zu riskieren. Gewalt, so Mottaghi, sei ein „Katalysator“. Ein weiterer Krieg könnte das Land verändern – vielleicht bis hin zu einem Machtvakuum.
Die Inszenierung der Normalität in Teheran darf nicht über die Realität hinwegtäuschen: Das Regime ist angeschlagen, aber nicht gebrochen. Es sucht verzweifelt nach Wegen, die eigene Schwäche diplomatisch zu kaschieren und Zeit zu gewinnen. Europa sollte sich nicht in ein neues Abkommen drängen lassen, das die eigentliche Gefahr nur vertagt.
Wenn Europa ernst genommen werden will, darf es nicht länger als naiver Partner auftreten, sondern muss zeigen, dass Verstöße Konsequenzen haben. Das Regime versteht nur Druck – alles andere würde als Schwäche gelesen.
Denn Schweigen, wie es die Menschen auf den Straßen Teherans üben müssen, ist für Europa keine Option.


