Der Balkan, Islam und Islamismus – Die Auswirkungen auf Österreich

Viele sagen, dass der Balkan in Wien beginnt: Die Sprachen vom Balkan sind überall zu hören. Nach den Deutschen bilden Migranten aus Rumänien die größte Gruppe ausländischer Staatsangehöriger in Österreich. Ihnen folgen Einwanderer aus Serbien, erst dann kommen Türken, gefolgt von Bosniern. Kroaten, Bulgaren und Mazedonier bilden ebenfalls große Gemeinschaften. In Österreich sind rund eine halbe Million Einwanderer mit der Staatsbürgerschaft eines Balkanlandes registriert. Fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe kommt aus Südosteuropa. Das bedeutet auch einen hohen Anteil der muslimischen Einwanderung.

Im Kosovo, in Albanien und seit einigen Jahren auch in Bosnien ist die Mehrheit der Bevölkerung aufgrund der osmanischen Herrschaft formell muslimisch. Es gibt starke muslimische Minderheiten in Nordmazedonien und Bulgarien, aber auch in Montenegro und Serbien.

Der terroristische Angreifer von Montag Abend stammte aus Wien, dessen Eltern einer solchen Minderheit angehörten: Sie kamen als Albaner aus Nordmazedonien nach Österreich. Albaner machen etwa ein Viertel der Bevölkerung Nordmazedoniens aus. Die meisten von ihnen sind Muslime.

Der im Balkan praktizierte Islam wird traditionell als relativ liberal angesehen. Diese Aussage kann jedoch nicht mehr vorbehaltlos gemacht werden. Weil sich eine Minderheit junger Muslime auf dem Balkan radikalisiert hat. Ein Trend dazu ist seit mehr als einem Jahrzehnt zu beobachten. Das hat auch Auswirkungen auf Österreich, da die dort lebenden Menschen vom Balkan meist in engem Kontakt mit den Herkunftsländern der Eltern oder Großeltern stehen. Viele Menschen verbringen ihre Sommerferien zusammen mit ihren Familien zu Hause. Hochzeiten werden traditionell auch in den Herkunftsländern gefeiert – auch wenn dort Braut und Bräutigam nicht mehr geboren werden. In diesem Sommer hat auch die hohe Zahl an Coronainfektionen bei Urlaubern, die vom Balkan zurückgekehrt sind, gezeigt, wie eng die Verbindungen sind.

Radikalisierte Muslime auf dem Balkan wiederum haben engen Kontakt zu islamistischen Bewegungen in Syrien und anderen Teilen der Welt. Bemerkenswerterweise reisten viele junge Muslime als Dschihadisten vom Balkan nach Syrien. Viele kamen dort ums Leben, während Rückkehrer ihre Heimatstaaten vor große Herausforderungen stellten.

Die Radikalisierung des Täters in Wien kann jedoch auch in Österreich ohne Verbindung zu Nordmazedonien stattgefunden haben. Details sind noch nicht verfügbar. Es ist jedoch bekannt, dass Österreich auch ein Problem mit islamistischen Bedrohungen hat. Im Verfassungsschutzbericht von 2018 heißt es: „Für Österreich besteht die größte Bedrohung weiterhin durch islamistischen Extremismus und Terrorismus.“

Bereits 2017 zählten die Behörden mehr als 300 Menschen, die als Dschihadisten nach Syrien oder in den Irak gezogen waren. Die Zahl der in Österreich verbliebenen islamistischen Bedrohungen wurde auf rund tausend geschätzt. In diesem gefährlichen Milieu stehen häufig Muslime mit balkanischem oder russischem Migrationshintergrund (Tschetschenen) im Mittelpunkt. Im Jahr 2018 wurde Mirsad Omerovic, ein islamistischer Hassprediger der muslimischen Minderheit in Serbien, der über Bosnien nach Österreich kam, zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Das Gericht hielt es für erwiesen, dass er junge Menschen in Österreich zum Beitritt des „Islamischen Staates“ (IS) überreden wollte.

Vier Jahre zuvor hatte der Fall zweier Wiener Mädchen mit bosnischen Wurzeln, die von den lokalen Boulevardmedien als „Dschihad-Bräute“ bezeichnet wurden, für Aufsehen gesorgt. Die beiden Minderjährigen waren über die Türkei nach Syrien gereist. Österreichischen Medien zufolge haben sie in Abschiedsbriefen geschrieben: „Wir gehen nach Syrien, wir kämpfen für den Islam. Wir sehen uns im Paradies.“

Im Jahr 2015 berichteten Sicherheitsbehörden, dass jeder zweite Terrorist, der aus Österreich nach Syrien reiste, aus der im Land lebenden tschetschenischen Gemeinde stammte. Zu diesem Zeitpunkt waren laut Wiener Innenministerium bereits 170 Menschen zum Dschihad gegangen – im Vergleich zur Bevölkerung bis zu dreimal so viele wie in Deutschland. Die Zahl der Terroristen, die nach Syrien gereist sind, ist in Nordmazedonien noch höher.

Nach Angaben der Behörden gab es 2016 rund hundert – während das Land kaum zwei Millionen Einwohner hat, von denen höchstens ein Drittel islamischen Glaubens sind. Nach Angaben der mazedonischen Polizei erfolgt die Radikalisierung häufig über Moscheen oder das Internet. Die mazedonischen Sicherheitsbehörden beklagen seit Jahren, dass es an Personal und Ressourcen mangelt, um das islamistische Milieu systematisch zu überwachen, insbesondere derjenigen, die vom Terrorismus und ihrem Umkreis zurückkehren.

In Bezug auf den Terroranschlag sagte der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz am Dienstag, es gehe nicht um einen Konflikt zwischen Christen und Muslimen oder Österreichern und Migranten, sondern um einen „Kampf zwischen den vielen Menschen, die an Frieden glauben, und den wenigen, die Krieg wollen”. Diese Erklärung entbindet den österreichischen Staat jedoch nicht von seiner Verantwortung, Radikalisierungen in muslimischen Migrantenmilieus genauer zu überwachen. Der österreichische Journalist Florian Klenk, der am Montag als einer der ersten am Tatort war, stellt auf Twitter wichtige Fragen: „Warum konnte ein bekannter Islamist mit Vorstrafen den IS kontaktieren? Wo und wie konnte er die Waffen bekommen? “

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