Die EU und Erdogan – Wie die EU ihre letzte Glaubwürdigkeit in ihrer Politik gegenüber der Türkei verliert

In der heutigen Türkei ist es mittlerweile fast üblich, dass politische Entscheidungen, die in anderen Ländern eine nationale Krise auslösen, einfach über Nacht getroffen werden.

Als die türkischen Bürger am 20. März aufwachten, hatte der Präsident den kürzlich ernannten Chef der Zentralbank entlassen, sich aus dem Übereinkommen des Europarates zur Verhütung häuslicher Gewalt zurückgezogen und den symbolischen Gezi-Park der Kontrolle der von der Opposition geführten Stadt entzogen.

Alle drei Punkte sind wichtig für die Beziehung zu Europa. Der Chef der Zentralbank war ein Garant für eine stabilere Geldpolitik, die auch große europäische Investoren beruhigen sollte. Die sogenannte Istanbuler Konvention gilt als Wendepunkt für die Unterdrückung der Zivilgesellschaft. Der Gezi Park, Namensgeber der regierungsfeindlichen Proteste von 2013 und der Frage seiner Entwicklung, steht für die Frage, ob die Regierung in der Lage ist, mit ihren Gegnern Kompromisse einzugehen, oder darauf besteht, alle Symbole der Opposition auszulöschen.

Mit seinen Entscheidungen gab Präsident Erdoǧan eine Antwort auf alle drei Punkte und widersprach dem, was die EU für das Land anstrebt: eine demokratische Türkei, die ein verlässlicher Partner für Europa sein kann.

Nur wenige Stunden zuvor hatte Erdoǧan der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und den EU-Ratspräsidenten Michel angerufen. In dem später veröffentlichten Kommunique werden keine der kurz darauf folgenden Ereignisse erwähnt. In einem Nebensatz wurde nicht einmal die sich rasch verschlechternde Menschenrechtssituation erwähnt.

Die EU war überrascht – wie so oft

Wie so oft kann davon ausgegangen werden, dass die EU vom türkischen Ansatz völlig überrascht wurde. Es ist der türkische Präsident, der die Agenda festlegt, dass die Europäer nur atmen können und oft genauso hilflos danach stöhnen. Natürlich muss man einwenden, dass es für die EU schwierig ist, ein Seil aus der Tatsache zu ziehen, dass sie die Zukunft nicht vorhersehen kann. In einem Land wie der Türkei, in dem zu jeder Zeit politisch alles möglich zu sein scheint, kann man kaum auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Die Ende März unternommenen Schritte sind jedoch nur die nächste Runde einer inländischen Eskalationsspirale, die bereits 2013 begonnen hat.

Die Reaktionen aus Brüssel sind der Satz, der seit Jahren immer wieder ausgesprochen wird: Man ist „sehr besorgt“. Während die EU immer noch in Sorgen versunken ist, schafft die türkische Regierung Fakten. Auch wenn der EU-Rat sicherlich Sanktionen gegen die Türkei in Betracht gezogen hat – zumindest theoretisch, weil bereits bekannt wurde, dass die Bundesregierung sie unter anderem nicht unterstützt -, zielen diese nur auf Ankaras zunehmend aggressives Verhalten ab. Die EU nennt diesen Fahrplan, der immer die gleichen unrealistischen Anreize für die Modernisierung der Zollunion oder das visumfreie Reisen durch die Region bietet, eine „positive Agenda“.

Das Motto, das zumindest aus Berlin stammt, ist klar: Unabhängig von den Kosten muss das Verhältnis zur Türkei stabil bleiben, und die Türkei muss auch so stabil wie möglich bleiben. Als Bundeskanzlerin Merkel vor einigen Jahren in Istanbul Vertreter der türkischen Zivilgesellschaft traf, berichteten sie ausführlich über die sich rasch verschlechternde Menschenrechtssituation. Die Kanzlerin hörte zu und antwortete, dass sie sich natürlich all dieser Punkte bewusst sei, aber dass sie angesichts der Flüchtlingskrise nicht ihre Priorität seien. Man könnte einwenden, dass dies „Realpolitik“ schlechthin sei, Merkel sei die deutsche Bundeskanzlerin, nicht die der Türkei.

Die Frage ist nicht nur, welchen innenpolitischen Preis die Türken für diese Realpolitik zahlen, die Berlin und Brüssel kühl als bedauerlichen Kollateralschaden abtun können, sondern auch, ob die mittelfristige Fortsetzung dieser Politik die europäischen Interessen selbst nicht bedroht.

Ein Problem der deutschen Außenpolitik war schon immer die Selbstwohnung

Was ist eine Partnerschaft wert, in der ein Partner kontinuierlich außenpolitische Spannungen durchführt, um seine eigene Macht zu erhalten? Wie stabil ist ein Staat, dessen Regierungschef seine Wahlkampfstrategie auf die Polarisierung der Bevölkerung stützt? Innen- und Außenpolitik in der Türkei sind eng miteinander verbunden. Wo heute eine Annäherung an Europa geplant ist, wird sie, wenn es zweckmäßig erscheint, für den nächsten Wahlkampf geopfert. Dies ist kein innerstaatliches türkisches Problem, sondern bedroht direkt die europäischen Interessen.

Ein Problem der deutschen und EU-Außenpolitik war schon immer ihre Selbstminimierung. Solange man sich auf realpolitische Zwänge bezieht, muss man sich nie mit der Frage befassen, wie man außenpolitisch wirksam werden kann. Sie müssen kein Utopist sein, um zu sehen, dass das Kräfteverhältnis zwischen der Türkei und der EU eindeutig für letztere spricht. Der türkische Präsident konnte dieses Verhältnis in den letzten Jahren fast vollständig umkehren, da Berlin sich nicht vorstellen kann, dass Konflikte auf andere Weise als durch Deeskalation gelöst werden können.

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