Die geschlechtsspezifischen Dimensionen der Wasserkrise im Iran

Bearbeitet von: Ahmad Al-Romah
Executive Summary
Feldberichte aus verschiedenen Regionen der iranischen Hauptstadt Teheran zeigen einen drastischen Rückgang des Wasserdrucks, so stark, dass selbst die unteren Stockwerke von Gebäuden kein Trinkwasser mehr erhalten. Die regionale Wasserbehörde in Teheran hat die Bürger aufgefordert, Haushalts-Pumpen und -Behälter zu nutzen, um den Wasserdruck zu erhöhen – und lädt damit die Verantwortung für die Wasserversorgung auf die Menschen selbst ab. Die meisten Haushalte verfügen jedoch nicht über die finanziellen Mittel, solche Geräte anzuschaffen.
Diese Analyse untersucht die Auswirkungen der Wasserkrise insbesondere auf Familien und Frauen im Iran anhand der folgenden Schwerpunkte:
Schwerpunkte:
- Warum tragen Frauen im Iran die Hauptlast der Krise?
- Geschlechtsspezifische Auswirkungen der Wasserkrise: Gesundheit, Lebensumstände und Sicherheit der Frauen
- Die doppelte Belastung der Frauen
- Gesundheitliche Folgen des Wassermangels
- Wassermangel und Gewalt gegen Frauen
- Auswirkungen auf die Lebensqualität von Frauen
- Schlusswort
Warum tragen Frauen im Iran die Hauptlast der Krise?
Die Wasserkrise im Iran hat die Dimension eines natürlichen Problems längst überschritten und sich zu einer humanitären, ökologischen und wirtschaftlichen Katastrophe entwickelt. Zwar begann die Krise mit sinkenden Niederschlägen und Dürreperioden, doch die eigentliche Ursache liegt im strukturellen Regierungsversagen und tief verwurzelter Korruption. Solange diese Wurzel nicht beseitigt wird, verschärft sich die Lage für Millionen Menschen tagtäglich.
Internationale Experten gehen davon aus, dass rund 70 bis 80 % der Krise auf Fehlentscheidungen, Missmanagement und Intransparenz zurückzuführen sind. Es handelt sich nicht um eine Wasserressourcen-Krise, sondern um eine Krise falscher politischer Entscheidungen – die das Land austrocknen und die Zukunft verdunkeln. Diese Misere, verbunden mit dem Vertrauensverlust in die Regierung, ist ein Symptom struktureller Schwäche.
In Teheran ist der Wasserdruck vielerorts so gering, dass nicht einmal in unteren Stockwerken Trinkwasser verfügbar ist. Bürgerinnen und Bürger sollen laut Behörden selbst für Abhilfe sorgen – doch Pumpen und Tanks sind für viele schlicht unerschwinglich.
Fachleute aus dem Wassersektor warnen seit Langem, dass der „Tag Null“, an dem die Wasserversorgung vollständig zusammenbricht, bereits eingetreten ist – begleitet von dramatischen Absenkungen des Bodenniveaus durch Ausbeutung des Grundwassers.

Die doppelte Belastung der Frauen
Wassermangel wirkt tief in das soziale Gefüge des Landes hinein: Er verändert das Familienleben, die häusliche Ökonomie, die physische und psychische Gesundheit und führt zu verstärkter Binnenmigration.
Traditionell übernehmen Frauen im Iran die Hauptverantwortung für die Versorgung der Familie – von der Kinder- und Altenpflege über die Essenszubereitung bis zur Hygiene und Betreuung kleiner Nutztiere oder Gärten. Genau diese Aufgaben machen sie am stärksten verwundbar gegenüber Wasserausfällen.
Die Frauen müssen morgens aufstehen und von der ersten Minute an organisieren, wie sie trotz fehlenden Wassers den Tag bewältigen. Lange Warteschlangen vor Wasserlastern, Hygieneprobleme für Kinder und Frauen selbst, höhere Haushaltskosten und der Verlust von Zeit für Bildung oder Erholung führen zu chronischem Stress, Depressionen, familiären Konflikten und sogar zu mehr häuslicher Gewalt.

Gesundheitliche Folgen des Wassermangels
Der fehlende Zugang zu sauberem Trinkwasser beeinträchtigt die Gesundheit aller – doch Frauen sind in dieser Krise besonders gefährdet. Viele können aus kulturellen Gründen ihre gesundheitlichen Probleme nicht offen ansprechen.
Frauen berichten aus Küstenstädten wie Jask oder Chabahar, dass Leitungswasser dort nicht trinkbar und selbst für die Körperhygiene ungeeignet ist, was zu Infektionen, Nierensteinen und Magen-Darm-Erkrankungen führt. Gesundheitliche Versorgung bleibt begrenzt, insbesondere in strukturell benachteiligten Regionen.
Hinzu kommt: Viele Frauen sind gezwungen, kilometerweite und oft gefährliche Wege zur nächsten Wasserquelle zurückzulegen – mit Risiken wie Übergriffen, Wildtierattacken und langwierigen orthopädischen Schäden durch schwere Wasserlasten.
Wassermangel und Gewalt gegen Frauen
Die Krise hat massive wirtschaftliche Auswirkungen: Betriebe stehen still, Armut steigt – und mit ihr Kinderheiraten, familiäre Gewalt und soziale Verwundbarkeit.
In besonders betroffenen Provinzen wie Sistan und Belutschistan oder Süd-Chorasan häufen sich Fälle von Schulabbrüchen, Zwangsehen und schlechter Gesundheitsversorgung. Für Mädchen, die mit 15 oder 16 Jahren verheiratet werden, bedeutet die Wasserkrise eine kaum zu bewältigende Mehrfachbelastung: Schwangerschaft, Geburt und Säuglingspflege unter Bedingungen von Wassermangel.

Proteste – Frauen an vorderster Front
Wassermangel hat die sozialen Spannungen im Iran eskalieren lassen. Besonders in Regionen wie Chuzestan kam es wiederholt zu Massendemonstrationen gegen die staatliche Untätigkeit. Demonstrierende wurden teils brutal niedergeschlagen, zahlreiche Personen verhaftet oder getötet.
Von Mai bis August 2025 gab es in mehreren südlichen und zentralen Provinzen ähnliche Proteste. Slogans wie „Wasser, Strom, Leben – unser Recht“ verdeutlichten die existenziellen Forderungen der Bevölkerung. Auch in Teheran und anderen Großstädten kam es im Juli zu Protesten gegen anhaltende Wasserausfälle bei großer Hitze.
Frauen entfalten bei diesen Protesten eine zentrale Rolle – ihr Engagement ist Ausdruck der Zuspitzung sozialer und ökonomischer Verzweiflung.

Schlusswort
Die Krise, die heute als ein „Energiedefizit des Systems“ bezeichnet wird, ist keine Folge bloßer klimatischer Veränderungen. Sie ist Ausdruck eines jahrzehntelang zerstörerischen Politikmodells – einer religiösen Diktatur, die Ressourcen fehlleitet und Bedürfnisse der Bevölkerung ignoriert.
Der Wassermangel ist dabei nur einer von vielen Faktoren, die den politischen Druck im Land erhöhen und das Vertrauen in die Legitimität der Regierung untergraben. Expertinnen und Experten warnen, dass anhaltende Umwelt-, Wirtschafts- und Governance-Krisen auf einen umfassenden Systemkollaps hindeuten.
Wachsende Proteste in mehreren Provinzen zeigen, dass die Bevölkerung Veränderungen einfordert und bereit ist, dafür auf die Straße zu gehen. Die internationale Gemeinschaft steht vor der moralischen Frage, wie sie die Bevölkerung im Iran auf ihrem Weg zu Freiheit, Stabilität und Nachhaltigkeit unterstützen kann.


