Die Muslimbruderschaft in Europa

Niemand sieht etwas, niemand hat etwas mit ihnen zu tun

Es klingt nach einem interessanten Museum für ethnologisch und an Religion interessierten Menschen: Das „Museum der islamischen Zivilisationen“ im Schweizer La Chaux-de-Fonds. Die Museumsdirektorin zeigt ihr Gesicht mit einem Kopftuch umhüllt. Für Interessierte gibt es eine Bibliothek, der Eingang zeigt ein Poster mit dem Slogan „Der Islam hat nichts mit Terrorismus zu tun“.

Besucher des Museums, die aus reinem Interesse das Haus besuchten, haben es eher irritiert wieder verlassen. Vielleicht ist es nur Zufall, dass auf den ideologischen Köpfen der Muslimbruderschaft ein besonderes Augenmerk liegt. In der Bibliothek findet man jedoch auch eine Menge antisemitischer Werke, im Ausstellungsraum werden Texte gezeigt, die sich über „die Lügen der Zionisten“ aufregen sowie „ethnische Säuberungen“ Israels.

Einer der Texte stammt von einer Organisation, die mit der Hamas sympathisiert und deren Präsident kürzlich erklärt hat, der Staat Israel sei ein Parasit: «Er saugt Amerikas Blut.» Dabei soll in La-Chaux-de-Fonds ein „positiver“ und „pluralistischer“ Islam gezeigt werden, „ohne jeden politischen Anspruch“.

Das Museum kann eher als Paradebeispiel für die Ausbreitung eines politischen Islam gelten, der sich tolerant und modern gibt, letztlich aber Demokratie und Grundrechte gefährdet. Die Ausbreitung dieses Phänomens beschäftigt die meisten Einwanderungsländer Westeuropas, es beunruhigt Geheimdienste, Wissenschafter und liberale Muslime.

Der sogenannte legalistische Islamismus stellt wohl langfristig eine grössere Gefahr dar als die bärtigen Jihadisten, die offen gegen Ungläubige hetzen und Terrorakte bejubeln.

Welche Strategie verfolgen diese Islamisten? Nach innen sagen sie den Leuten „Wir sind anders, wir haben eigene Werte, und die Gesellschaft will uns nicht“. Nach aussen geben sie sich als tolerante, aber diskriminierte Minderheit, die Geld vom Staat braucht. Diese Diskrepanz treiben manche von ihnen so weit, dass sie das Gendersternchen benutzen, Kontakte zu jüdischen Vereinen suchen und sich mit LGBTQ+-AktivistInnen fotografieren lassen. „Am nächsten Tag laden sie dann einen Prediger ein, der Gewalt gegen Frauen befürwortet und Steinigungen von Schwulen rechtfertigt“, beschreibt ein Kenner der Szene.

Die wichtigste internationale Bewegung, die eine legale Islamisierung westlicher Gesellschaften anstrebt, ist die Muslimbruderschaft. Sie propagieren einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus: Die muslimische Bevölkerung soll re-islamisiert, von Imperialisten und Kolonialisten befreit und von schlechten Einflüssen gereinigt werden.

In vielen arabischen Ländern verfolgt, haben sich die Anhänger der Muslimbruderschaft seit den 1950er Jahren in Europa niedergelassen und neue Netzwerke aufgebaut, die heute vor allem von Katar und der Türkei gefördert werden. Es ist ein dezentrales Geflecht aus Moscheen, Vereinen, Stiftungen, Parteien, Instituten, Think-Tanks und Hochschulen, die personell, finanziell und manchmal auch nur ideologisch miteinander verbunden sind. Zu diesem Netzwerk gehören laut Wissenschaftern und Geheimdienstberichten die Föderation Islamischer Organisationen in Europa (FIOE, seit 2020 Rat der Muslime in Europa) und das international tätige Hilfswerk Islamic Relief, das auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz Spenden sammelt.

Es gelingt Anhängern und Sympathisanten der Muslimbruderschaft dank ihrer selbst aufgelegten Opferrolle immer wieder, in der Politik und in den Medien als antirassistische und dialogbereite Partner wahrgenommen zu werden, die es im Kampf für das Kopftuch und gegen Vorurteile zu unterstützen gilt.

Der Einfluss der Muslimbruderschaft zeigt sich unter anderem oben genannten Schweizer Museum. Hier lobbyiert die Leiterin zusammen mit ihrem Ehemann seit Jahren unter viel medialer Anteilnahme für einen konservativen, separatistischen Islam, der den moralisch verkommenen Westen befreien soll. So erklärt sie, Nacktheit habe einzig in der Ehe Platz, Mädchen und Jungen müssten in Schwimmbädern getrennt werden, und Homosexualität sei «eine Sache reicher Länder», denn: „Wenn man nichts zu essen hat, denkt man nicht an Homosexualität.“

Gleichwohl glauben viele, dass ihr Museum eine unpolitische, „positive Vision des Islam“ zeigen werde. Mittlerweile ist jedoch einiges über die ideologischen und finanziellen Hintergründe des Projekts bekannt. 2019 veröffentlichten französische Journalisten im Buch «Qatar Papers» Bankauszüge und Dokumente. Laut diesen investieren staatsnahe katarische Organisationen in Europa über hundert Millionen Euro in Institutionen, die der Muslimbruderschaft nahestehen. Laut «Qatar Papers» hat das Schweizer Ehepaar für das Museum rund 1,4 Millionen Franken aus Katar bekommen. MENA Research Center berichtete bereits darüber.

Der französische Geheimdienst stuft den Ehemann als militanten Islamisten ein: Er stehe der Muslimbruderschaft nahe und betätige sich als Schatzmeister für deren Organisationen. Zu dieser Einschätzung kam der Geheimdienst, nachdem er an der französischen Grenze mit 50.000 Euro Bargeld im Gepäck erwischt worden war.

Beide sagen öffentlich, dass zwei Personen ihr Denken und ihren Glauben maßgeblich geprägt haben: Tariq Ramadan und Sheich Karadawi.

Ramadan ist der Enkel des Ur-Muslimbruders Hasan al-Banna, er gilt als Vordenker eines formell gemässigten, im Kern jedoch nicht mit demokratischen Grundrechten kompatiblen Islam. Seit er in Frankreich wegen Vergewaltigungsvorwürfen angeklagt wurde, inszeniert er sich als Opfer einer zionistischen Intrige und kämpft gegen den angeblich islamophoben Westen an.

Karadawi gehört, trotz Distanzierungen, zu den wichtigsten Vordenkern der modernen Muslimbruderschaft. Mit seinen Sendungen auf Al Jazeera erreichte der in Katar lebende Gelehrte ein Millionenpublikum. Daneben ist er langjähriger Vorsitzender des „Europäischen Rates für Fatwa und Forschung“, der 1996 gegründet wurde. Wie Tariq Ramadan wird Karadawi oft als moderater Islamist missverstanden, weil er Mädchenbeschneidungen ablehnt und Terroranschläge verurteilt, zumindest wenn sie nicht Israel treffen, denn dort sei Terror erwünscht.

Dass «gemässigt» ein dehnbarer Begriff ist, zeigt auch sein Buch «Erlaubtes und Verbotenes im Islam». In diesem Buch, das auch in manchen islamischen Bildungsstätten Europas gelesen wird, verdammt Karadawi so ziemlich alles, vom Augenbrauenzupfen über Tätowierungen bis zu nackten und unverhüllten Frauen. Er spricht von Gleichberechtigung in der Ehe, räumt dem Mann als Oberhaupt der Familie aber das Recht ein, die Frau bei „offener Auflehnung“ zu schlagen.

Die Hure und den Freier gilt es mit je hundert Peitschenhieben zu bestrafen, genauso wie Homosexuelle, für die jedoch auch die Todesstrafe gerechtfertigt ist. Harte Strafen, wie Karadawi einräumt, aber notwendig, um die Gemeinschaft von „abartigen Elementen“ rein zu halten. Über die Juden äusserte sich der ägyptische Gelehrte einmal in einer Fernsehansprache. Sie hätten, so sagte er, eine „göttliche Bestrafung“ erfahren, durch Adolf Hitler. Dessen Methoden seien „vielleicht übertrieben“ gewesen, aber: „Er hat die Juden dorthin geschickt, wo sie hingehören.“

Welche Folgen das von der Muslimbruderschaft verbreitete Gedankengut hat, ist in muslimischen Ländern, aber auch in manchen europäischen Städten zu sehen. Dort skandieren Demonstranten „Tod den Juden“ und „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“. Juden und Homosexuelle werden immer wieder von jungen Männern aus arabischen Kulturen attackiert, es gab auch schon Tote und Schwerverletzte.

Umso wichtiger wäre es, dass sich staatliche Stellen und islamische Verbände klar von Anhängern dieses Gedankenguts distanzieren. So haben mehrere Staaten – darunter Deutschland, die USA und die Niederlande – die Zusammenarbeit mit Islamic Relief beendet, nachdem deren Führungsleute ihren Antisemitismus öffentlich bekundet hatten.

Auch in den grossen islamischen Verbänden gibt es einen beschränkten Willen oder – je nach Interpretation – begrenzte Mittel zur Abgrenzung. Gerade für liberale Muslime ist das ein Problem: Da sich diese Verbände als Repräsentanten aller Muslime verstehen, prägen sie das Image der muslimischen Bevölkerung, obwohl diese gemäss Umfragen viel weniger religiös und konservativ eingestellt ist.

Islamische Verbände in Europa propagieren einen Islam der Mitte und distanzieren sich häufig in der Öffentlichkeit von Extremismus und Gewaltanwendung. Die Frage, wo religiöser Dogmatismus aufhört und politischer Extremismus beginnt, wird in der Praxis jedoch oft sehr grosszügig beantwortet.

Trotzdem traten häufig Vertreter islamischer Verbände in den letzten Jahren bei Anlässen und Spendenaktionen des Hilfswerks Islamic Relief auf. Sie bewerben sogar regelmässig Webinare oder Schnupperkurse mit Gelehrten, die zum universitären Umfeld der Muslimbruderschaft gehören.

Für die betroffenen Vereine und Verbände ist das Thema Muslimbruderschaft und Extremismus delikat. Denn sie wollen für die Behörden erste und vertrauenswürdige Ansprechpartner in Sachen Islam, interreligiöser Dialog, Seelsorge, Radikalisierung und Extremismusprävention sein. Entsprechend reagieren Verbandsvertreter empfindlich auf Kritik. Rasch werden Vorwürfe laut, man wolle alle Muslime dämonisieren und unter Generalverdacht stellen.

So ist es kein Widerspruch, dass sie sich in ihren Statuten und Verlautbarungen gegen Extremismus und für einen „Islam der Mitte“ ausspricht, gleichzeitig aber radikale Positionen in ihren Reihen dulden. Denn das Konzept eines Islam der Mitte schliesst Offenheit gegenüber radikalen und extremen Positionen nicht aus. Im Gegenteil: Es wurde massgeblich von Jusuf al-Karadawi entwickelt, dessen Positionen kaum Ausdruck einer gesellschaftlichen Mitte sind.

Islam der Mitte heisst bei Karadawi nur, dass er liberale Tendenzen im Islam genauso ablehnt wie die „Übertreibungen“ jihadistischer Terroristen. Da „Mitte“ jedoch viel besser klingt als Muslimbruderschaft, ist das Konzept bei deren Aktivisten und Sympathisanten sehr populär.

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