Ein globales islamistisches Netzwerk gewinnt in der EU Fuß

Abdul-Wached Niyazov war begeistert, als Anfang April 300 Menschen vor der Moschee eines Berliner Gemeindezentrums herumtollten und einen Skandal auslösten: „Alhamdulillah, sehr gute Nachricht“, schrieb der russische Präsident des Islamic European Muslim Forum (EMF) weiter auf Instagram. Er teilte ein Video der Kampagne mit seinen 175.000 Abonnenten: Menschenmassen in der Moschee in Berlin, zwischen der Polizei und einem Beamten, der etwas hilflos versucht, die Gruppen aufzubrechen.

Niyazov jubelte: „Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands haben die Berliner Behörden zugelassen, dass der öffentliche Gebetsruf über Lautsprecher abgespielt wird.“ Er ignorierte die Tatsache, dass die Polizei ein Verfahren einleitete, nachdem das Open-Air-Gebet abgesagt worden war und der Distrikt den öffentlichen Aufruf zum Gebet verboten hatte. Stattdessen veröffentlichte er ein Bild mit dem Imam der umstrittenen Berliner Moschee, Mohamed Taha Sabri. Niyazov schrieb: „Es ist kein Zufall, dass wir über eine Möglichkeit diskutieren, unsere Berliner Repräsentanz in dieser Moschee unterzubringen.“

Offensichtlich bemüht sich Niyazovs weltweit aktives Europäisches Muslimforum (EMF) darum, in Deutschland Fuß zu fassen. Der im Oktober 2018 in Barcelona gegründete EMB definiert sich als Verband der führenden muslimischen Vertreter Europas. In einer Erklärung heißt es, dass die zunehmende Bedeutung der Muslime im öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben vertreten sein sollte. Mit Vertretungen in Städten wie London, Istanbul oder Moskau zusammen mit klaren Zielen: Bau von Moscheen und islamischen Kulturzentren, Entwicklung der Halal-Industrie, Stärkung der muslimischen Jugend.

Untersuchungen von WELT zeigen, dass sich ein genauer Blick auf die Vertreter des EMB lohnt: Nicht nur Verbindungen zu Diktatoren und Hassern von Homosexualität weltweit sind zu sehen, sondern auch zu einem islamistischen Institut in Hamburg und zu kontroversen Organisationen, die der türkischen Regierung nahe stehen. Fast alle diese Kontakte kommen bei einem Mann zusammen: EMF-Präsident Niyazov.

Abdul-Wached Niyazov, geboren in Omsk, Russland, ist eine schillernde Figur und nicht wählerisch in Bezug auf Freundschaften. Der Präsident des Islamischen Kulturzentrums Russlands (IKZR) präsentiert sich gerne als islamischer Staatsmann der Welt. Wo immer er auftaucht, schüttelt er den Mächtigen vor Kameras die Hand – ob Autokrat, Diktator oder Islamist.

Auf seiner Facebook-Seite vom 26. Februar 2019: Fotoserie mit Recep Tayyip Erdogan. 3. März 2019: Posieren mit dem tschetschenischen Despoten Ramsan Kadyrow. Am 27. Februar 2019: Erinnerungsfoto mit Libyens Ex-Diktator Gaddafi. Der Deutsche Geheimdienst des Innern (BfV) verwies auch auf eine Verbindung zwischen Niyazov und der Islamistischen Muslimbruderschaft (MB).

Neben Bildern, die Grundschüler in Gebetsmützen zeigen, die während des Korankurses aufgereiht waren, veröffentlichte er am 7. April 2019 in Brunei den Screenshot einer Nachricht über neue Gesetze zur Hinrichtung von Homosexuellen in Neiazovs Kommentar: „Genau so! „“

Von nun an wurden Männer nach islamischem Scharia-Recht gesteinigt. Erst nach weltweiten Protesten zieht der Sultan das Gesetz Monate später zurück.

Seit der Gründung des Europäischen Muslimforums (EMF) in Barcelona im Oktober 2018 haben die islamischen Vertreter Ende 2018 weitere Treffen in Paris, im März 2019 in Hamburg und zuvor in Istanbul abgehalten. Der tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow schloss sich ebenfalls der dortigen Delegation an, was der EMB auf seiner Website hervorhebt. Kadyrov, ein gefürchteter Diktator, hat nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen Homosexuelle im Nordkaukasus systematisch gefoltert und nach politischen Gegnern, einschließlich Journalisten, gesucht.

Neben Präsident Niyazov wird der EMB von mehreren Muftis und anderen islamischen Würdenträgern aus verschiedenen Ländern vertreten. Es gibt mehrere Verbindungen nach Deutschland. Ende November 2018 posierte Niyazov bei einem EMF-Treffen mit vier Männern vor einem Gebäude der Europäischen Kommission. Einer von ihnen: Tarek Baé, 26 Jahre alt und kein Unbekannter in islamischen Kreisen in Deutschland.

Baé, der sich auf Twitter als Medienwissenschaftler und Journalist bezeichnet, ist mehrfach als Vertreter von SETA aufgetreten. Die Stiftung für politische, wirtschaftliche und soziale Forschung gilt als politischer Think Tank mit enger Verbindung zur türkischen Regierung. „Zum Beispiel waren Regierungssprecher Fahrettin Altun und der Berater des türkischen Präsidenten Ibrahim Kalin zuvor bei der SETA-Stiftung aktiv“, berichtet der BfV.

SETA untermauert die Außenpolitik der türkischen Regierungspartei AKP mit Strategiepapieren. Interessant ist auch, dass Baé mehrmals mit Organisationen des türkischen Moscheeverbandes Ditib gesprochen hat. Bei einer dieser Veranstaltungen hielt er 2018 einen Vortrag zum Thema „Rechtspopulismus und Islam in den Medien“.

Murat Guel aus Berlin ist auch als offizieller Vertreter der Organisation im „Vorstand“ des EMB aufgeführt. Er ist Präsident der Islamischen Föderation Berlin (IFB), die der islamistischen Milli Görüs-Bewegung nahe stehen soll. Als Niyazov im April 2019 zu einer Werbetour nach Berlin kam, war Guel immer an seiner Seite. Zusammen posierten sie vor dem Bundestag mit dem Imam der Christchurcher Moschee, Gamal Fouda. Seine Moschee war eines der beiden Ziele des neuseeländischen Angriffs gewesen.

Niyazov unterhält auch außerhalb seines globalen Islamforums fragwürdige Kontakte zu Deutschland. Zuletzt veröffentlichte er auf Instagram Videos des Al-Azhari-Instituts aus Hamburg, ein Foto mit dem Institutsleiter Mahmoud A., der einem Kopftuchträger ein islamisches Geständnis spricht. Niyazovs jubelnder Kommentar: „Während einer Pandemie in Europa kommen die Menschen zur Wahrheit und konvertieren zum Islam. Wir haben einen neuen Partner in Hamburg! „

Nach eigenen Angaben fördert das Al-Azhari-Institut den „interreligiösen Dialog“ durch Koran- und Sprachkurse für Kinder und Erwachsene. Doch erst vor wenigen Wochen hat der Hamburger Geheimdienst Alarm geschlagen. Das Al-Azhari-Institut strebe eine islamistische Gesellschaftsordnung an, hieß es. Mahmoud A. lobt die Scharia-Regeln und vertritt radikale islamische Ideen. Dementsprechend muss eine Frau ihrem Ehemann gehorchen. Wenn Warnungen nicht erfolgreich sind, kann Gewalt als letztes Mittel eingesetzt werden.

In einem Video über „Ehe im Islam“ von Ende März schwärmt A., dass die „religiöse Frau“ die beste ist. Denn: „Es macht dir das Leben nicht schwer. Wenn der Mann etwas von ihr verlangt, ist sie ihm gehorsam. “Anderswo kritisiert A. den angeblichen Mangel an Glauben in Deutschland. Es gibt hier viel zu viele „Haram-Looks“ auf den Straßen.

Der Hamburger Geheimdienst stellt außerdem fest: „In den Lehren von Mahmoud A. gibt es auch einen klaren Antisemitismus.“ Der Innenpolitiker der CDU, Christoph de Vries, fordert weitere Konsequenzen für das Institut: „Die islamistische Propaganda des Al-Azhari-Instituts Mahmoud A. ist unerträglich und antidemokratisch, die Lehraktivitäten des Instituts müssen sofort eingestellt und Verbandsverbot gemäß § 3 Abs. 2 Nr. 1 in Verbindung mit Artikel 9 der deutschen Verfassung ist zu prüfen. „

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