Europas blinder Fleck: Die Muslimbruderschaft und der politische Islam

Europa debattiert seit Jahren über den politischen Islam, doch oft bleibt die Diskussion an der Oberfläche. Während radikaler Terrorismus wie der des sogenannten „Islamischen Staates“ leicht als Bedrohung erkennbar ist, zeigt sich der Einfluss der Muslimbruderschaft subtiler – und damit langfristig gefährlicher. Denn sie agiert nicht als gewaltbereite Untergrundbewegung, sondern als Netzwerk von Vereinen, Stiftungen und Verbänden, das legal arbeitet, aber ein ideologisches Ziel verfolgt: die Transformation der Gesellschaft im Sinne einer islamistischen Ordnung.

Gerade darin liegt die Herausforderung: Die Bruderschaft ist kein „klassischer Extremismus“, der sofort mit Gewalt auffällt, sondern eine Bewegung, die demokratische Strukturen nutzt, um ihre Agenda zu verankern. Sie gründet Moscheen, Bildungszentren und NGOs, sie tritt als Ansprechpartner für Behörden auf, sie präsentiert sich als Stimme der „gemäßigten Muslime“. Doch wer genauer hinsieht, erkennt die ideologischen Linien: Ein islamisches Weltbild, das mit den Prinzipien einer offenen, pluralistischen Gesellschaft nur schwer vereinbar ist.

Viele europäische Regierungen haben diese Gefahr lange unterschätzt. Aus Angst, Muslime zu marginalisieren oder ihnen den Vorwurf der Kollektivschuld zu machen, hat man die Muslimbruderschaft oft hofiert – ja, man hat sie in offiziellen Integrationsräten und Kommissionen als Partner eingebunden. Das Kalkül: Man wollte „die Moderaten“ an Bord holen, um die Radikalen zu isolieren. Doch dieses Kalkül ist riskant. Wer Organisationen mit islamistischer Agenda in die Mitte der Gesellschaft zieht, stärkt nicht die Integration, sondern unterwandert sie.

Der Fall Österreich zeigt, wie schwierig der Umgang ist. Mit der „Operation Luxor“ 2021 wollte die Regierung Strukturen der Bruderschaft zerschlagen. Das Echo war heftig: Während Kritiker den Schritt als überzogen und rechtlich fragwürdig brandmarkten, betonten die Befürworter, es sei höchste Zeit, dem politischen Islam Grenzen zu setzen. Deutschland wiederum beschränkt sich bislang weitgehend auf Beobachtung durch den Verfassungsschutz – doch auch hier wächst der Einfluss von Bruderschaft-nahen Vereinen, vor allem im Bildungs- und Sozialbereich.

Das zentrale Problem ist, dass die Muslimbruderschaft ihre Stärke gerade aus der Grauzone bezieht, in der sie agiert: nicht verboten, nicht offen extremistisch, aber ideologisch eindeutig. Sie nutzt die Freiheiten der liberalen Demokratie, um deren Grundlagen infrage zu stellen. Ihr Einfluss ist kein Sturm, der plötzlich hereinbricht, sondern ein schleichender Prozess – und genau deshalb so gefährlich.

Europa muss sich ehrlich machen: Der Kampf gegen den Islamismus bedeutet nicht nur die Abwehr von Terror und Gewalt, sondern auch den entschlossenen Umgang mit den Strukturen, die eine islamistische Parallelgesellschaft fördern. Religionsfreiheit darf nicht verwechselt werden mit dem Recht, eine politische Ideologie unter dem Deckmantel des Glaubens zu verbreiten.

Wer die Muslimbruderschaft weiterhin als „moderaten Partner“ behandelt, riskiert, dass Europas Gesellschaften in einer langsamen, unauffälligen Erosion ihrer freiheitlichen Grundlagen landen. Der Preis für das Wegsehen könnte am Ende höher sein als die kurzfristige Bequemlichkeit des Dialogs.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"