Imame „made in Germany“

Eine neue Generation übernimmt gerade deutsche Moscheen. Die jungen Religionsvertreter sprechen besser Deutsch als Türkisch oder Arabisch. Und sie wollen einen Islam, der zu Land und Zeit passt.

Von den 1.100 hauptamtlichen Religionsvertretern der DITIB, der größten islamischen Religionsgemeinschaft in Deutschland, sind 180 in Deutschland geboren. Sie sind auf dem Land aufgewachsen und haben hier ihr Abitur gemacht. Und ihre Zahl steigt laut neuesten Statistiken weiter an.

Das war jahrzehntelang anders. Die Imame aus den muslimischen Ländern kamen selbstverständlich meist aus der Türkei, bezahlt von Ankara. Sie kamen meist nur für wenige Jahre, schließlich war der Aufenthalt der „Gastarbeiter“ nicht auf Dauer angelegt. Sie konnten kein Deutsch und Deutschland blieb ihnen fremd.

In den letzten Jahren haben deutsche Politiker den Druck auf die DITIB erhöht, sich aus der Abhängigkeit der Türkei zu befreien. Zudem hat die Bundesregierung 2010 eine für die anderen islamischen Dachverbände wichtige Regelung aufgehoben. Bis dahin hatten sie meist Imame im Ruhestand aus der Türkei beschäftigt. Ankara stellte ihnen grüne Dienstpässe zur Verfügung stellen, damit sie ohne Einschränkungen arbeiten konnten. Ein Servicepass reicht dafür nicht mehr aus.

Daher begannen die Religionsgemeinschaften, ihren Nachwuchs selbst auszubilden. Vorreiter war der in den 1980er Jahren gegründete Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ). 2015 folgte die Islamische Gemeinde Millî Görüş (IGMG) mit einer Berufsschule in Mainz und im Januar 2020 die DITIB mit ihrer Akademie in der Eifel in Westdeutschland.

Gemessen an den Bedürfnissen der Moscheegemeinden ist die Zahl der Absolventen ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn für die Gläubigen unter den 5,7 Millionen Muslimen in Deutschland stehen rund 2500 Moscheen zur Verfügung. Aber ein Anfang ist gemacht.

Für viele Muslime ist die Moschee ein Treffpunkt und eine wichtige Anlaufstelle. Auch wenn ein gewählter Vorstand die Angelegenheiten einer Gemeinde organisiert: Die Erwartungen der Gemeindemitglieder richten sich an den Imam. Er leitet die Gebete und muss theologische Fragen beantworten. Er kümmert sich um die Jugend, um die Kontakte zu den Behörden und idealerweise um den interreligiösen Dialog.

Aufgrund dieses anspruchsvollen Berufsbildes spricht die DITIB nicht mehr nur von Imamen, sondern von professionellen islamischen Religionsvertretern. Die Zeit ist vorbei, in der man in einer Moschee nebenbei etwas machen konnte. Vor allem die junge Generation erwartet professionelle Arbeit in Moscheen.

Die weithin sichtbare Kölner Zentralmoschee spiegelt dieses Selbstbewusstsein wider. Nach der Pandemie gibt es wieder zahlreiche Besucher, auch Nicht-Muslime. Sie steigen die breite Treppe zum Hof ​​hinauf, verweilen dort unter den noch jungen Bäumen, setzen sich nach dem Besuch der Moschee in ein Café. Der Komplex werde als Begegnungszentrum angenommen, sagt ein junger Mitarbeiter. Und die einstige Anfeindung der fremdenfeindlichen Gruppe Pro Köln haben sich aufgelöst. Der Einfluss von Ankara hat keinen Einfluss mehr auf operativer Ebene.

Es ist viel passiert. Vor zwei Jahrzehnten wäre es undenkbar gewesen, dass eine Frau die DITIB-Akademie leitet. Das löst heute noch nicht einmal eine Debatte aus, freut sich die neue Leiterin, die 1978 in Stuttgart geboren wurde. Auch in anderen Bereichen sind Frauen auf dem Vormarsch. 200 der 1.100 Religionsvertreter der DITIB sind Frauen. In der ersten Klasse der neuen Akademie sind sie mit 14 von 26 Studierenden knapp in der Mehrheit.

Wer dort studiert, belegt Fächer wie „Koran in der Praxis“, „Seelsorge und Spiritualität“ und „Gemeindepädagogik“. Sie werden von Islamwissenschaftlern, die an deutschen Universitäten lehren, DITIB-Experten und Praktikern aus den Moscheegemeinden unterrichtet. Gleichzeitig sammeln sie in Praktika selbst Erfahrungen.

„Die Unterrichtssprache ist Deutsch“, betont ein Vertreter. Schließlich sind Muslime ein natürlicher Teil dieses Landes. Aber während die Jüngeren ohnehin besser Deutsch als Türkisch sprechen, ist es bei den Älteren umgekehrt. Daher sollten die islamischen Religionsbeauftragten beide Sprachen sprechen.

Es wird noch lange dauern, bis die Ausbildungszentren in Deutschland den Bedarf der Moscheegemeinden decken. Dennoch blicken die DITIB-Vertreter eher kühl auf das Islamische Kolleg der Universität Osnabrück, ein Reformzentrum ohne Einflussnahme von außen, das sich für einen toleranten und aufklärerischen Islam einsetzt. Dort begann im Juni eine zweijährige Imam-Ausbildung für bereits ausgebildete islamische Theologen. Inwieweit andere Moscheegemeinden die Absolventen des Islamischen Kollegs einstellen würden, konnte die DITIB nicht absehen. „Wir haben unser eigenes Ausbildungsprogramm“, sagen sie.

Auch bei der IGMG wird das Projekt in Osnabrück kritisch gesehen. Während DITIB und IGMG ihre Akademien selbst finanzieren, unterstützt der deutsche Staat das Islamische Kolleg in Osnabrück mit 5,5 Millionen Euro. Damit sieht der Generalsekretär der IGMG die religiöse und weltanschauliche Neutralität des Staates gefährdet. Der Staat macht sich zum Ersatz für die islamischen Religionsgemeinschaften. Auch in die Ausbildung von Pfarrern mischt sich der Staat nicht ein.

Die „Berufsschule für muslimische Führungskräfte“ liegt auf einem Hügel in Mainz in einem Büroviertel. In der Mittagspause spielen die jungen Männer, die unter der Woche im Internat des Instituts wohnen, im Innenhof Fußball. Leise ist der Gebetsruf zu hören, die jungen Männer eilen zum Gebet. Danach beginnt der Nachmittagsunterricht für die derzeit 61 jungen Männer. Sie sind Abiturienten aus Deutschland, Österreich oder Frankreich oder haben einen Hauptschulabschluss. Nach vier Jahren werden die meisten von ihnen in einer Moschee arbeiten, einige aber auch islamische Theologie an einer Universität studieren. Für das Curriculum der Schule griffen die IGMG-Experten auf Erfahrungen in Malaysia, an der Azhar-Universität in Kairo und an türkischen Universitäten zurück. Das Ergebnis sei ein auf die Bedürfnisse in Deutschland zugeschnittener neuer Lehrplan, so der Generalsekretär.

Die islamischen Dachverbände sind wertekonservativ und setzen sich für den Erhalt einer islamischen Identität ein. In einigen Bundesländern sieht der Verfassungsschutz aber auch islamistische Bestrebungen. In dem Bericht des Landes Hessen aus dem Jahr 2019 heißt es über die IGMG, man strebe an, mit „subtileren Mitteln“ als mit Gewalt „die Lage grundlegend zu ändern“.

Einer der Absolventen der Mainzer Hochschule wurde vor 24 Jahren im mitteldeutschen Harz geboren, ist dort aufgewachsen und fühlt sich wie ein muslimischer Deutscher. Zukünftig wird er in einer Moschee in Hannover arbeiten. Dort will er vor allem mit jungen Leuten arbeiten. Als er seine Nachbarn in seiner Heimatstadt einlud, nahmen sie ihn mit in ihre Kirche, sagt er. Das fand er toll. Er will auch vieles anders machen als der Imam in der Moschee seiner Kindheit und Jugend, der kein Deutsch konnte. Einer seiner ersten Schritte als Imam werde es sein, die Beschränkungen für Frauen in der Moschee aufzuheben, sagt er. „Frauen bringen Leben. Sie kämpfen um ihren Platz, sei es in der Moscheegemeinde oder in der deutschen Gesellschaft.“ Der Student sieht keinen Widerspruch darin, dass Frauen religiös und selbstbewusst sind: Sie sollten soziale Verantwortung übernehmen und das Kopftuch tragen. Die Frage ist, wie weit die Emanzipation gehen wird. Immer mehr Frauen werden in den Akademien ausgebildet, können aber keine Imame werden. Für ihn ist vor allem die Bildungsarbeit gedacht.

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