
An einem Herbstabend 2023 trat Recep Tayyip Erdoğan vor seine Anhänger und sprach von Gaza. Für die Türkei, so sagte er, sei dieser umkämpfte Küstenstreifen nichts anderes als Adana, eine türkische Millionenstadt im Süden des Landes. Ein Satz, der hängen blieb – nicht wegen seiner geografischen Absurdität, sondern wegen seiner historischen Botschaft. Gaza gehörte einst zum Osmanischen Reich, und in Erdoğans Worten klang der Anspruch nach, diese Vergangenheit politisch wiederzubeleben.
Es sind nicht nur rhetorische Ausrutscher eines Präsidenten, der sich gerne in großen Bildern bewegt. Seit Jahren baut Erdoğan seine Geschichtspolitik um das Osmanische Reich auf: Moscheen, Museen, Serien und Schulbücher zeichnen das Bild einer glorreichen, harmonischen Epoche, in der die muslimische Welt geeint war und die Türkei im Zentrum stand. Dass das Reich im 19. Jahrhundert als „kranker Mann am Bosporus“ verspottet wurde, weil es innerlich zerfiel und von europäischen Mächten bedrängt wurde, fällt in dieser Erzählung unter den Tisch.
Ähnlich verfährt Wladimir Putin. Auch er spricht von einem „verlorenen Paradies“ – nicht von der Sowjetunion, die er als atheistische Fehlentwicklung betrachtet, sondern vom Zarenreich. In seiner Geschichtsschreibung ist es die „natürliche Form Russlands“, die 1917 zertrümmert und von Lenin verraten wurde. Putins Kriege in Georgien, in der Ukraine oder seine Einflussnahme im Kaukasus erscheinen in diesem Licht nicht als Aggression, sondern als Rückgewinnung „historischer Gebiete“.
Beide Autokraten teilen eine Strategie: Sie nutzen die imperiale Vergangenheit, um die Gegenwart zu ordnen. Geschichte wird zur politischen Waffe, zur Quelle von Legitimation. In Schulbüchern werden unangenehme Kapitel getilgt, die Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich ebenso wie die Pogrome gegen Juden im Zarenreich. Was bleibt, ist ein Hochglanzbild von Einheit, Stolz und unangefochtener Macht.
Besonders heikel ist der Umgang mit den Gründungsfiguren der Moderne. Mustafa Kemal Atatürk gilt Erdoğan zunehmend als Symbol der „Schande von Lausanne“, weil er die Grenzen der heutigen Türkei akzeptierte. Lenin wiederum wird von Putin als Totengräber Russlands porträtiert, weil er die Sowjetrepubliken in föderaler Form anlegte – ein „Konstruktionsfehler“, wie Putin sagt, der es der Ukraine oder den baltischen Staaten erlaubt habe, eigenständig zu werden. Hier zeigt sich die eigentliche Stoßrichtung der Geschichtspolitik: Korrektur dessen, was als historische Niederlage empfunden wird.
Religion spielt dabei eine Schlüsselrolle. Putin hat die orthodoxe Kirche in den Rang einer Staatsideologie erhoben, die seine Kriege mit heiliger Weihe versieht. Erdoğan wiederum setzt auf den politischen Islam, der das Osmanische Erbe als göttliche Ordnung verklärt. Beide Herrscher füllen damit eine ideologische Leerstelle, die in vielen Gesellschaften nach dem Ende der großen Erzählungen spürbar ist.
Ihre Politik bleibt nicht folgenlos. Putins Invasion der Ukraine zeigt, wie tödlich die Wiedergeburt imperialer Träume sein kann. Erdoğan agiert subtiler: Er entsendet Truppen nach Syrien, baut Militärbasen in Katar oder Somalia, mischt sich in Konflikte vom Mittelmeer bis zum Kaukasus ein. Gaza und Jerusalem tauchen regelmäßig in seiner „spirituellen Geographie“ auf – einer Weltkarte, die weniger von heutigen Grenzen bestimmt ist als von Erinnerungen an das Osmanische Reich.
Doch die beiden Autokraten sind nicht nur Verbündete im Geist. In Syrien, in Libyen, im Südkaukasus und sogar in der Ukraine geraten ihre Interessen immer wieder aneinander. Mal handeln sie wie Partner, mal wie Rivalen – und doch verbindet sie der Blick zurück.
Die imperiale Nostalgie, die Erdoğan und Putin so geschickt inszenieren, ist mehr als bloße Folklore. Sie prägt die Außenpolitik zweier Staaten, die im 21. Jahrhundert zu zentralen Akteuren geworden sind. Und sie zeigt, dass Geschichte nie vergangen ist. Sie kann ein Werkzeug der Macht sein – und ein Sprengsatz für die Gegenwart.







