Integration und Sprache für Dänemark unerlässlich

Wie werden Geflüchtete zu einem festen und stabilen Teil der Gesellschaft? Diese Frage ist gerade für Westeuropa mit seinen durch globale Krisen bedingten hohen Einwanderungszahlen nach wie vor zentral. Sie kann nicht nur als Blaupause für ihre Gesellschaften dienen, sondern auch für die Stabilität ihres politischen Systems. Oft wird gesagt, der Schlüssel zur Integration sei neben der „kulturellen Schere“, der Bildung in den Heimatländern der Einwanderer, der Toleranz und Akzeptanz für beide Teile – Einwanderer und die Mehrheitsgesellschaft – die Sprache.

Eine umfassende Studie aus Dänemark hat nun anhand einer Vielzahl statistischer Daten die Rolle des Spracherwerbs von Flüchtlingen untersucht. 1999 führte das skandinavische Land eine Reform durch, die die Sprachkurse auf insgesamt 1.800 Stunden plus 430 zusätzliche Stunden ausweitete. Bis zu drei Jahre lang konnten die Flüchtlinge in den Kursen Dänisch lernen. Diejenigen, die keinen Abschluss hatten, konnten sich dann nicht um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bewerben.

Da die Reform für alle neuen Flüchtlinge galt, aber nicht für die bereits im Land befindlichen, konnten die Forscher die Auswirkungen der neuen Maßnahmen ermitteln. Dazu verfolgten sie die Biografien von mehr als 8.500 anerkannten Flüchtlingen, die in den Jahren vor und nach der Reform zuwanderten, sowie die ihrer Kinder. Bis 2016 verglichen sie Einkommen, Berufe, Schulabschlüsse und Straftaten.

Die Ergebnisse stimmen mit all jenen überein, die seit langem hohe Investitionen in die Sprachausbildung von Migranten fordern. In der Studie heißt es: „Flüchtlinge, die von den neuen Regelungen betroffen waren, verdienten in den 18 Jahren nach der Reform mehr, arbeiteten mehr und hatten qualifiziertere Jobs.“ So arbeiteten beispielsweise diejenigen, die länger Dänisch lernten, eher im Gesundheitssektor denn als Küchenhilfen. Die jüngeren Geflüchteten nahmen dagegen häufiger ein Hochschulstudium auf.

Der Ausbau der Sprachprogramme lohnte sich also für die Flüchtlinge und auch für den Staat: Denn die Ausgaben amortisierten sich bereits nach wenigen Jahren durch höhere Steuereinnahmen und Einsparungen bei den Sozialleistungen. Und das setzt sich Jahr für Jahr fort, zumal eine bessere Integration der Flüchtlinge auch langfristig positive Folgen hat: Die Kinder der Reformbegünstigten haben häufiger ihre Schulbildung abgeschlossen und weniger Straftaten begangen.

Eine bessere Sprachbildung ist jedoch nicht die Antwort auf alle Herausforderungen der Integration. Die Kriminalitätsrate unter erwachsenen Flüchtlingen – die deutlich höher ist als unter Einheimischen – ging durch die Sprachkurse nicht zurück. Die Autoren der Studie interpretieren es so: Motivierte profitieren von den Sprachkursen, aber diejenigen, die sowieso kriminell geworden wären, würden sich nicht durch ein paar Monate Sprachunterricht noch gesetzestreu machen lassen. Daher ist das Thema Segregation auch für eine soziologische Analyse essenziell, denn für viele skandinavische Gesetzgeber sind zunehmende Ghettos in den Städten Teil des Problems.

Die skandinavische Einwanderungspolitik galt einst als eine der liberalsten in Europa. Doch das änderte sich Mitte der 1990er Jahre, 2004 war erstmals von »Einwandererghettos« die Rede. 2018 sagte der damalige Ministerpräsident Rasmussen in Dänemark, die „Ghetto-Tentakel“ breiteten sich aus, dänische Werte wie Gleichheit, Liberalismus und Toleranz würden an Boden verlieren. Wenige Monate später stellte er den „Ghetto-Plan“ vor, ein Gesetz, das jetzt unter der sozialdemokratischen Premierministerin Mette Frederiksen umgesetzt wird. Ihr erklärtes Ziel: Bis 2030 soll es in Dänemark keine „Ghettos“ mehr geben.

Ein Stadtteil gilt als „Ghetto“, wenn er mehr als 1.000 Einwohner hat und mindestens drei dieser Kriterien erfüllt: Mehr als 40 Prozent der erwachsenen Bewohner sind arbeitslos, die Kriminalitätsrate ist mindestens dreimal so hoch wie der Bundesdurchschnitt und über 60 Prozent der Bewohner haben höchstens die Grundschulbildung (bis zur 9. Klasse).

Jedes Jahr im Dezember veröffentlicht das dänische Wohnungsministerium eine Liste der Ghettogebiete, die jetzt „Liste der Parallelgesellschaften“ genannt wird, seit 2010 gibt es diese. Im Dezember 2020 standen 15 Bezirke mit rund 40.000 Menschen auf dieser Liste. Wird dort fünf Jahre in Folge ein Viertel genannt, muss der Anteil des sozialen Wohnungsbaus auf 40 Prozent reduziert werden. Um die soziale Durchmischung des Stadtteils zu verändern, wird gemeinnütziger Wohnungsbau privatisiert und gegebenenfalls ganze Wohnblöcke abgerissen.

In einem weiteren gesetzgeberischen Schritt hat die dänische Regierung die Sozialhilfe für Flüchtlinge über 25 Jahre auf 13 Monate gekürzt. Sollten die Flüchtlinge diesen Druck nutzen, um schneller Arbeit zu finden, war die Wirkung verheerend: Beschäftigung und Einkommen stiegen nicht. Stattdessen schoss, vermutlich aus Geldmangel, die Zahl der Ladendiebe in die Höhe.

Aber dennoch: Die Studie, die diesen Sommer im Fachmagazin „Review of Economics and Statistics“ erschienen ist, zeigt deutlich: Investitionen in Sprachbildung lohnen sich.

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