Katar: Flüssiggas und Polit-Lobbying

Der Wüstenstaat Katar steht in diesem Jahr erneut in den Schlagzeilen. Nicht die weltweite Förderung extremistischer Gruppierungen wie der Muslimbruderschaft oder die Beziehungen zu den Taliban spielen dabei eine Rolle, sondern Flüssiggas und die im Winter stattfindende Fussball-WM. Homosexuellen Paaren aus Europa werden Hotelbuchungen für das Sportevent 2022 verwehrt, ein Politiker aus Österreich reist nach Katar und preist die dortigen Errungenschaften.

Während die russische Invasion in der Ukraine die Abhängigkeit europäischer Staaten von sibirischem Gas und Öl deutlich macht und neue Energie-Allianzen zwischen Europa und dem Persischen Golf wahrscheinlicher werden lassen, sehen die autokratischen Herrscher in Doha dies auch als Möglichkeit, ihre angeschlagene Reputation aufzubessern. Einerseits scheinen europäische Regierungen das von Katar produzierte Flüssiggas zu brauchen, um ihre Abhängigkeit von russischen Energiequellen nachhaltig abzubauen; andererseits sieht Doha es als einmalige Chance, diesen Hebel für PR-Zwecke zu nutzen.

Homosexuelle Touristen in Katar nicht erwünscht

Wie Recherchen von europäischen Journalisten zeigen, sind homosexuelle Gäste in einigen offiziellen Hotels der WM, die am 21. November startet, nicht willkommen.

Zwei Journalisten gaben sich als frisch verheiratetes, schwules Ehepaar aus, das seine Flitterwochen in Katar verbringen wolle. Sie fragten bei den WM-Unterkünften wegen eines Zimmers an. 56 der 69 von der Fifa empfohlenen Hotels antworteten.

Drei sagten demnach ganz offen, dass in ihren Hotels das schwule Pärchen kein Zimmer buchen könne. Dabei soll es sich um das „Torch Doha“, das „Magnum Hotel & Suites Westbay“ und das „Wyndham Grand Regencey“ handeln. „Vielen Dank für Ihre Frage, aber gemäß unserer Hotelpolitik können wir Sie nicht aufnehmen“, lautete eine der Antworten auf die Anfrage. Eine andere Begründung: „Wir akzeptieren grundsätzlich keine homosexuellen Paare.“

In Katar ist Homosexualität offiziell verboten und kann mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft werden. Nach islamischem Recht sind sogar das Auspeitschen und die Verhängung der Todesstrafe möglich.

Wiener SPÖ-Politiker auf Dienstreise in Katar

Der Besuch eines österreichischen Politikers im Wüstenstaat Katar wirft ebenso einige Fragen auf: Der Wiener Landtagsabgeordnete Omar al-Rawi reiste zu einem mehrtägigen Aufenthalt in das Land am Persischen Golf. Der Sozialdemokrat, im Wiener Landtag Mitglied in den Ausschüssen für internationale Angelegenheiten sowie Innovation und Mobilität, hat laut Recherchen von „MENA Research Center“ eine Dienstreise zur Teilnahme an einer interreligiösen Konferenz in Katar beantragt und auch genehmigt bekommen. Obwohl bis Redaktionsschluss die Pressesprecherin der SPÖ-Fraktion von der Reise des Abgeordneten keine Hintergründe zu dieser mitteilen konnte, scheint es in der Partei zu rumoren. „Wir sind nicht glücklich über diese Reise in ein Land, das die Hamas und die Muslimbruderschaft offen unterstützt“, so ein Parteikollege gegenüber „MENA Research Center“. Ebenso ist fraglich, wer die Reise des Abgeordneten gezahlt hat: der Landtag von Wien, die SPÖ oder aber der Staat Katar.

Öffentlich gibt es bislang keine Pressemitteilung oder Äusserung al-Rawis zu seiner offensichtlich genehmigten Teilnahme an der „14th Doha Conference on Interfaith Dialogue“, die sich dieses Jahr besonders mit der Frage von „Hate Speech“ beschäftigte. Auf dem Hauptpanel mit dem Titel „Kontrolle und Missbrauch von Meinungsfreiheit“ trat beispielsweise der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Ümit Vural, gemeinsam mit Damir Mukhetdinov auf, dem Vizepräsidenten der islamischen Glaubensgemeinschaft in Russland; Mukhetdinov ist ähnlich wie der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche ein glühender Verfechter der imperialistischen Kreml-Politik und Niederschlagung von Meinungsfreiheit in Russland.

Al-Rawi als auch Vural erwähnen mit keinem Wort ihre gemeinsame Teilnahme an der Konferenz in Doha, entgegen einer Vielzahl von anderen Veranstaltungen, die sie zusammen besuchten. Zumindest vom IGGÖ-Präsidenten wird auch die Anwesenheit eines weiteren Protagonisten der muslimischen Gemeinschaft in Österreich beflissentlich ignoriert: Tarafa Baghajati. Dazu aber später mehr!

Botschafter des Fussballs

Vielmehr zeigte sich der österreichische Politiker al-Rawi als Verehrer des Ballsports in Katar und schwärmte von Technik und Nachhaltigkeit der FIFA-Stadien am Persischen Golf.

Zu den von internationalen Kritiker:innen immer wieder vorgebrachten menschenverachtenden Arbeitsbedingungen beim Bau der Stadien schweigt al-Rawi auf seiner für die arabische Community vorbehaltenen Facebook-Seite, während er auf seinem deutschsprachigen Profil in einem Nebensatz kurz erwähnt, dass er auch die Arbeiterquartiere der Arbeiter besuchen wolle.

Der Wiener Abgeordnete wurde bei seinen Stadienbesuchen von zwei Personen begleitet, die ebenfalls aus Wien kommen: Da ist einerseits Tarafa Baghajati, ein seit Jahren enger Mitstreiter al-Rawis, sowie Siham Al-Awami, eine aus Katar stammende Geschäftsfrau in Wien, die bereits sehr lange Öffentlichkeitsarbeit für ihr Heimatland betreibt.

Al-Rawi (2.v.li.), Baghajati (2.v.re), Al-Awami (re.)

Tarafa Baghajati war auch Teilnehmer der Konferenz der Qatar-Herrscherfamilie Anfang dieser Woche in Doha. Zusammen mit seiner Frau Carla Siebrasse (jetzt Carla Amina Baghajati) und Omar Al-Rawi gründete dieser 1999 die „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“, welche immer wieder in den Ruf geriet, eine Vorfeldorganisation der als extremistisch eingestuften Muslimbruderschaft zu sein.

Frau Baghajati, seit Jahren Sprecherin und das weibliche Gesicht der IGGÖ, kooperiert auch schon lange mit Al-Rawi, der zwischen 1999 und 2011 Integrationsbeauftragter der österreichischen Glaubensgemeinschaft war. Besonders in dieser Zeit wurde diesen immer wieder eine Nähe zur Muslimbruderschaft unterstellt. Ein Hauptauslöser dabei war ihre Unterstützung für den damaligen Imam der IGGÖ Schura-Moschee, Scheich Adnan Ibrahim. Der Imam erklärte unter anderem, dass moslemische Männer keine Ehen mit Christinnen eingehen sollten, da dadurch „fremdes Blut in unsere Nachkommen“ komme, was „ein soziales Verbrechen“ sei. Zudem habe er das Märtyrertum gelobt und jene Staaten, die nicht unter islamischer Herrschaft stehen, als dar al-harb, also als „Land des Krieges“, bezeichnet. In seiner Predigt „Dschihad-Philosophie und Märtyrertum“ rief er Muslime auf, „opferbereit zu sein und Märtyrer für Palästina und den Irak zu werden.“ „Es gibt für uns keinen anderen Weg als Dschihad“. Ein solcher Appell entspricht den bekannten Aufrufen des Chefideologen der Muslimbruderschaft und von Katar finanzierten Yusuf al-Qaradawi fast aufs Wort. Ein vom österreichischen Wochenmagazin „Profil“ veröffentlichtes Zitat lautet: „Wir wünschen uns den Tod, das Märtyrertum für die Sache Allahs in Palästina und im Irak. Eine Stunde an einem Kriegsschauplatz im Dschihad für die Sache Allahs zählt mehr als 70 Jahre eines frommen, religiösen Lebens“.

Es bleibt nun die Frage, warum Al-Rawi, Baghajati und Vural – sonst immer dazu bereit, ihre politischen bzw. vereinsrelevanten Auftritte mitzuteilen – es vermieden haben, ihre gemeinsame Teilnahme an einer Konferenz der katarischen Herrscherfamilie öffentlich zu machen.

Und die SPÖ Wien sowie der Landtag bzw. Gemeinderat der österreichischen Hauptstadt müssen sich die Frage gefallen lassen, warum sie eine Dienstreise al-Rawis genehmigt haben, welche der Reputation Katars in Österreich und den muslimischen Communities im Alpenstaat einen Dienst erwiesen hat, ansonsten jedoch den Stadtrechnungshof auf den Plan rufen könnte: Österreich hat bekanntlich die WM-Qualifikation nicht geschafft!

Alle Veröffentlichungs- und Urheberrechte sind dem MENA Research and Study Center vorbehalten.