Katar und die Realpolitik

Katar besitzt das Gut, was Europa braucht um aus der Abhängigkeit des russischen Despoten entfliehen zu können: Erdgas. Ohne neue Lieferverträge kann es in vielen europäischen Häusern und Wohnungen, abhängig von den Entscheidungen im Moskauer Kreml, im nächsten Herbst und Winter ungemütlich werden. Auch bestimmte Industriezweige sind von der stabilen Versorgung mit Gas mehr als abhängig. Fünf Monate nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine befindet sich Europa im Griff eines beschleunigten und zunehmend unumkehrbaren Übergangs, wie es seine Energie bezieht, um Häuser zu heizen und zu kühlen, Unternehmen anzutreiben und Strom zu erzeugen. Eine langfristige Umstellung auf mehr erneuerbare Energiequellen wurde von einem kurzfristigen Gerangel darum überholt, wie Europa den kommenden Winter übersteht.

Entsprechend freundlich sind die Treffen europäischer Regierungschefs und Minister mit dem Emir von Katar. Die Reisediplomatie in das Golfemirat ist seit der russischen Invasion in die Ukraine ständig gestiegen.

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) versicherte bei seinem letztem Zusammentreffen mit dem Herrscher aus Katar Ende Mai, dass „wir unsere Zusammenarbeit weiter vertiefen werden“ – was auch für die politischen Beziehungen gelten soll. „Regelmäßige Konsultationen auf Ebene unserer Außenminister“ kündigte Scholz an und bescheinigte Katar ein „enormes Potenzial“, nicht nur bei Gas, sondern auch bei der Entwicklung erneuerbarer Energien. Der Emir sprach von „herausragenden und strategischen Beziehungen“.

Eine neue „Energiepartnerschaft“ soll Ziel der frischen Liebesbeziehung sein. Mit dem Import von LNG aus Katar wollen, ja müssen mitteleuropäische Staaten wie Deutschland vorankommen bei der Diversifizierung ihrer Gasversorgung. Zugleich soll die Zusammenarbeit beim grünen Wasserstoff einen Schub erhalten.

Für einige Diplomaten aus dem Golfstaat kommt das neue europäische Interesse an katarischem Flüssiggas (LNG) mit einem gewissen Schmunzeln an: Sie hatten schon lange für eine Diversifizierung geworben – und stießen dabei auf Beton. Von Flüssiggasterminals wollte besonders in Deutschland kaum jemand etwas hören, wo Russland doch billiges Gas per Pipeline lieferte. Gerade die Deutschen könnten nun immerhin darauf hoffen, schon im Jahr 2024 Flüssiggas von Katar zu beziehen – das allerdings aus den USA kommen würde.

Der staatliche Energiekonzern Qatar Energy betreibt zusammen mit dem US-Multi Exxon Mobil das Gemeinschaftsunternehmen Golden Pass. Es wird Gasfelder im Golf von Mexiko ausbeuten, der erste Block soll im dritten Quartal 2024 in Betrieb gehen. Die Abkopplung Deutschlands von Russland allerdings soll eigentlich deutlich schneller gehen. Der Emir verwies darauf, dass sein Land die Produktion des größten Gasfelds der Welt im Persischen Golf ausbauen werde, in Katar North Dome genannt. Das könne zu Lieferungen „hoffentlich in den Jahren 2026 oder 2027 führen“, kündigte er an. „Aber was immer wir auch in diesem Übergangszeitraum für die Energiesicherheit in Europa tun können, werden wir tun.“

Katar exportiert bereits an der Kapazitätsgrenze, zudem hat das Emirat mehr als 80 Prozent der Förderung in langfristigen Lieferverträgen anderen Abnehmern zugesagt, vor allem in Asien. Als mögliche Zwischenlösung gilt, dass etwa Japan einen Teil der Mengen nach Deutschland umleitet. Um in größerem Umfang Deutschland versorgen zu können, muss Katar allerdings erst investieren: in Fördertechnik, in Verflüssigungsanlagen und auch in Tankschiffe. Das rechnet sich nur, wenn langfristig eine Auslastung garantiert ist. Laufzeiten von 20 Jahren und mehr sind üblich.

Zwar wird derzeit verhandelt über die Bedingungen eines Liefervertrags, und Berlin treibt LNG-Terminals an Häfen in der Nordsee voran. Katar will aber auf Bedingungen bestehen, die die Länder der Europäischen Union für zwei Jahrzehnte beim Kauf von binden sollen, ein Schritt, der das Ziel der EU, die Emissionen zu senken, erschweren und gleichzeitig seine Abhängigkeit von russischem Brennstoff verringern und diejenige von Katar erhöhen wird.

Die Europäer argumentieren nun, dass die katarischen Angebote zu streng seien und den Käufern kaum Möglichkeiten geben würden, die Verträge bei verändertem Bedarf anzupassen. Entsprechende Verhandlungen über die Dauer der Importe seien seit März festgefahren, so Vertraute der Verhandler.

Die europäischen Staaten, besonders aber Deutschland, wehren sich gegen den Druck Katars, weil sie befürchten, dass die strengen Lieferbedingungen dieser Verträge dazu führen werden, dass sie den fossilen Brennstoff auch dann noch importieren müssen, wenn Europa bereits die fossile Transformation abgeschlossen hat. Wenn Katar nicht nachgibt, bedroht dies allerdings dann die Optionen der EU, Gaslieferungen aus Russland zu diversifizieren, da das Emirat dann dazu übergehen könnte, alternative Lieferverträge mit seinen östlichen Nachbarn zu unterzeichnen. Katar ist zwar daran interessiert, Deutschland als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt als Kunden zu gewinnen, jedoch ist aber auch klar, dass die Verantwortlichen immer danach suchen, das beste Geschäft für Katar zu sichern. Die Gaseinnahmen gehen in den Staatsfonds, der durch seine Investitionen nachfolgenden Generationen ein Auskommen sichern soll. Wirtschaftlich ist Katar daher nicht darauf angewiesen, LNG nach Europa zu verkaufen. Politisch allerdings strebt Doha schon länger eine engere Kooperation besonders mit Berlin an.

Das Emirat ist Anteilseigner bei Volkswagen, der Deutschen Bank oder Siemens und will Milliarden in mittelständische Unternehmen investieren. Zudem sieht man sich in vielen außenpolitischen Fragen mit der Bundesregierung im Einklang – auch wenn sich Katar den Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen hat, sondern lediglich seine wirtschaftlichen Beziehungen derzeit nicht weiter ausbaut.

Es wird sich also noch zeigen, inwieweit „Realpolitik“ bei den Entscheidungen über Energielieferungen eine Rolle spielen wird. Die Realpolitik in Doha kann nämlich derjenigen in Berlin und Brüssel diametral entgegengesetzt sein.

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