Mafia-Chef Sedat Peker setzt Erdogan unter Druck

Der Mann im knackig weißen Hemd, machohaft mindestens zwei Knöpfe des Hemdes geöffnet, ist der bekannteste Mafioso der Türkei. Sedat Peker sollte eher Staatsanwälte und Richter beschäftigen. Stattdessen bringt er Präsident Recep Tayyip Erdoğan ins politische Elend: als YouTube-Star und mutmaßlicher Whistleblower.

Die Affäre: Ein 2019 geflohener Krimineller wäscht seit gut einem Monat die schmutzigste Staatswäsche auf YouTube. Der Mann mit der etwas veralteten Prinz-Eisenherz-Frisur begrüßt den Präsidenten vertraulich, fast freundschaftlich, vor einem Millionenpublikum: „Wir reden auf Augenhöhe, großer Bruder“, sagt Peker zu Erdoğan und fügt hinzu: „Ich bin nicht ein ausländischer Agent.“ Das heißt: Ich bin einer, der dabei war. Der alle kennt. Der alles weiß.

In seinen wöchentlich einstündigen Shows wirft der 49-Jährige der politischen Elite der Türkei Drogenhandel, milliardenschweren Öl- und Waffenschmuggel aus und in das Bürgerkriegsland Syrien vor, um dschihadistische Rebellen und al-Qaida-Kämpfer zu unterstützen. Er spricht von Vergewaltigung, Mord und Attentaten in der Türkei. Ohne bisher überprüfbare Beweise vorzulegen, erweckt er den Eindruck, der türkische Staat sei nichts anderes als ein Arm der Mafia Don Corleone Inc.

Beweise fehlen auch nach Episode acht der Peker-Serie. Doch wenn man dem Umfrageinstitut Avrasya Araştırma Glauben schenken darf, glauben bereits 75 Prozent der Türken den unglaublichen Geständnissen und Enthüllungen. Was dem politisch ohnehin schon kränkelnden Erdoğan Sorgen bereiten muss.

In Teil 9 will er über das Staatsoberhaupt sprechen

Der einzige, den Peker nicht beschuldigt, ist der „große Bruder“, der Präsident. Doch Episode neun der Serie, die eigentlich „Peker packt aus“ heißen soll, ist angekündigt: Der Mafia-Mann will über das Staatsoberhaupt reden, „von Mann zu Mann, wie der ältere mit dem jüngeren Bruder“. Dass dies als Drohung zu verstehen ist, zeigt das Schild, das direkt neben Peker vor der YouTube-Kamera steht. An der zuvor leeren Tafel lehnt ein Buch. Der Titel: „Familie“. Jeder in diesem Land versteht, was Familie in der türkischen Politik bedeutet. Die Familie ist der engste Machtkreis.

Erdoğan wird vom Gangster nicht nur als „hoch geschätzter Präsident“ angesprochen. Er wird vertrauensvoll „Abi“, „großer Bruder“ genannt. Das ist die türkische Form respektvoller Nähe. Ein Normalsterblicher, geschweige denn ein Mafioso, hat dies jedoch gegenüber dem Staatsoberhaupt kaum. Peker, dessen plötzlicher YouTube-Ruhm ihm merklich zu Kopf steigt, sieht sich offenbar auf Augenhöhe mit Erdoğan.

Zurück zum Anfang, wir sind erst bei Episode acht. Zu Pekers Ohren, die als „Sülü“, als kleiner Süleyman, grinsen, ist kein Geringerer als Innenminister Süleyman Soylu, ein gefürchteter Law-and-Order-Mann. Vor einem Internetpublikum von 70 Millionen Zuschauern muss Soylu von Peker ein „nussgroßes Gehirn, mit dem man Präsident werden will“ attestieren: Soylu ist Pekers liebster Feind. Die Anschuldigungen gegen ihn haben die Züge einer Vendetta, einer persönlichen Abrechnung. Er habe vor 30 Jahren Soylus politische Karriere gestartet, sagt Peker. Er hat in Soylu „investiert“. Aber derjenige, der zum Minister aufgestiegen war, verriet ihn im entscheidenden Moment. Das klingt nach Rache: Soylus Karriere erlebt derzeit einen Sturm, den er kaum ohne Schaden überstehen kann.

Die mit einem Lächeln begrüßten „Pelikane“ wendet sich Peker an eine einflussreiche Fraktion der Regierungspartei AKP. Der Kopf der Pelikane ist der Schwiegersohn von Erdoğan; Berat Albayrak war wie Soylu zeitweise ein möglicher Thronfolger im Präsidentenpalast. Dazu das Whiteboard und das Buch „Familie“ – da gibt es bei Peker offensichtlich noch Luft nach oben.

Fast sieht es so aus, als wolle der Mafia-Boss Abrissexperte am Denkmal der Erdoğan-Präsidentschaft werden. Und der Mann, der die Türkei seit fast zwei Jahrzehnten regiert, scheint – zumindest vorerst – hilflos zusehen zu müssen, wie ein Gangster versucht, sein politisches System zu erschüttern.

Ein mäßig talentierter Selbstdarsteller mit einer ziemlich langen Vorstrafe als selbsternannter Whistleblower? Ein Putschversuch im Tempo der Netflix-Serie auf Youtube? Dies ist eine beispiellose politische Provokation – und eine echte Bedrohung für Erdoğan, der seit 2003 an der Macht ist.

Erdoğan hat eine Reihe von Gegnern, wie die Emirate

Was könnte er tun? Der ausgeschriebene Haftbefehl ist von geringem Wert, solange niemand weiß, wo Peker sich versteckt. Und die Art und Weise, wie er seinen Frontalangriff durchführt, wirft offensichtliche Fragen auf. Könnte es sein, dass ausländische Dienste Peker coachen? Er ist 2019 untergetaucht, lebt angeblich in den Vereinigten Arabischen Emiraten, und die Scheichs der VAE sind Erdoğans größte Feinde. All dies ist Spekulation. Erdoğans Kreis behauptet aber bereits genau das: „Peker beweist mit seinem Unsinn, dass er im Dienste der Feinde der Türkei steht und auch in unserem eigenen Land einer Allianz des Bösen dient“, sagte Präsidentenberater Oktay Saral.

Bullshit hin oder her: Erdoğan hat dank seiner Annäherung an Moskau auch Rechnungen mit den USA offen. Auch Israel und Ägypten gehören zu denen, an denen Erdoğan wenig Interesse hat: Er unterstützt die Hamas und schützt die Muslimbrüder. Gerade in der Türkei soll es in den Sicherheitsstrukturen genug Leute geben, die Erdoğan lieber heute als morgen fallen sehen wollen. Wenn nur einige der Vorwürfe stimmen, kann Peker all diese Details kaum wissen: Jemand wird den Whistleblower wahrscheinlich mit Informationen füttern.

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