Migrantisches Unternehmertum in Deutschland

Von Dr. Werner Kemgeth, Professor für Ökonomie, St. Gallen

Seit den 1990er Jahren nimmt der Anteil sogenannter Migrantenunternehmen deutschlandweit zu. Diese sind mittlerweile zu einer zentralen Säule der lokalen Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Modernisierung, indem sie sich zunehmend im Bereich wissens- und technologieintensiver Dienstleistungen ansiedeln. Dabei schaffen sie neue Arbeitsplätze und bieten, gemessen an ihrem Wirtschaftsanteil, im Durchschnitt mehr Ausbildungsplätze an als deutsche Unternehmen. Sie stellen häufiger regionale Marktneuheiten vor und fungieren als Wissensvermittler, die zur Vielfalt der regionalen Wissensbasis beitragen.

Wichtig sind aber auch die Potenziale und Funktionen vieler Migrantenunternehmen, insbesondere im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor, auf lokaler Ebene. In kleinen und mittelgroßen Städten, die oft von Abwanderung geprägt sind, leisten diese Unternehmer einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Nahversorgung und bilden die Grundlage der sozialräumlichen Infrastruktur. In Metropolen und Großstädten prägen sie vor allem im Einzelhandel das Stadtbild und können zu Magneten für Kunden und Besucher werden.

Erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund spielen heute eine wichtige gesellschaftspolitische Rolle: Sie tragen dazu bei, die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund zu sichern, tragen zur Integration ethnischer Gemeinschaften bei, indem sie lokale Diaspora-Strukturen aufbauen und so zum Dreh- und Angelpunkt für viele Fragen der Orientierung werden. Sie übernehmen eine repräsentative Funktion für Migrantinnen und Migranten und helfen anderen Migrantinnen und Migranten, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren.

Daher spielen die Vielfalt und das Potenzial von Unternehmern mit Migrationshintergrund eine große sozioökonomische und kulturelle Rolle in Deutschland. Unabhängig von diesem Potenzial gibt es aber auch eine Reihe von Herausforderungen bei der Ansprache, Förderung und (Gründungs-)Beratung von Migrantinnen und Migranten in Politik, Verwaltung und Wissenschaft.

Facetten migrationsbezogenen Unternehmertums in Deutschland

Während in der öffentlichen Debatte unterschiedliche Facetten der unternehmerischen Tätigkeit von Migranten unter dem Oberbegriff „Migrant Entrepreneurship“ zusammengefasst werden, ist unschwer zu erkennen, dass es sich weder um eine homogene Personengruppe noch um ein monokausales Wirtschaftsphänomen handelt. Entgegen dem traditionellen Narrativ, dass es sich bei den von Migranten geführten Unternehmen um Dönerbuden oder italienische Pizzerien handelt, befindet sich dieser Teil der deutschen Wirtschaft evolutionär betrachtet bereits in der dritten oder gar vierten Generation von Einwanderern und hat das enge Feld der Gastronomie und Einzelhandel (auf den es sich nie beschränkte) längst hinter sich gelassen, Biontech in Mainz ist nur ein Beispiel.

Das Unternehmertum der ersten Generation, das sich in der deutschsprachigen Debatte nie vollständig durchsetzen konnte, wurde relativ schnell durch das breitere konzeptionelle Verständnis des Immigrant Entrepreneurship abgelöst. Neben den unter diesem Begriff subsumierten Migrantengenerationen mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus, kulturellen Hintergründen und Gründungsmotiven werden seit einiger Zeit auch Migranten zu dieser Gruppe gezählt, die zum Zwecke der Unternehmensgründung nach Deutschland migrieren oder dort ihr Unternehmen gründen bzw. führen ihr Unternehmen aus der Ferne. Hinzu kommt eine zunehmende Divergenz zwischen der Selbstwahrnehmung als Unternehmer und der Zuschreibung als „migrantische“ Unternehmer, insbesondere im Hinblick auf die zweite und nachfolgende Generation(en) sowie die Gründungszuwanderung. Es bedarf daher einer stärkeren Sensibilisierung dafür, dass sich eine solche Zuschreibung als analytische Kategorie zwar als nützlich erweisen kann, um bestimmte Aspekte zu untersuchen, gleichzeitig aber die Gefahr einer „Etikettierung“, der Reproduktion alter Narrative und damit ihrer Perpetuierung birgt. Mit dem Ziel einer normativen Herangehensweise an das ökonomische Phänomen von Unternehmern mit Migrationshintergrund wird daher eine Differenzierung zwischen den persönlichen Merkmalen des Unternehmers und den Merkmalen des Unternehmens vorgeschlagen.

Unternehmer mit Migrationshintergrund als Wirtschaftsfaktor verstehen

Um das wirtschaftliche und soziale Potenzial für Kommunen und Regionen zu nutzen, erscheint es notwendig, die Wahrnehmung zu verlassen, dass Unternehmer mit Migrationshintergrund ausschließlich eine vulnerable Gruppe sind. Vielmehr sind die Unternehmer wichtige Akteure im lokalen Ökosystem. Konkret bedeutet dies, dass zugewanderte Unternehmer nicht wie in den vergangenen Jahren nur als Instrument der Arbeitsmarktintegration verstanden werden sollten, die aus Notgründungen besteht, sondern künftig stärker auf Chancen und wirtschaftliche Potenziale geachtet werden sollte.

Vorbilder sichtbarer machen

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Ausschöpfung des unternehmerischen Potenzials von Migranten ist die Gestaltung des lokalen Ökosystems. Dabei geht es um die Frage, wie inklusiv das Ökosystem bereits ist, inwieweit es die Wirtschaftsstruktur am Standort repräsentiert und wo Defizite bestehen könnten. Im Hinblick auf letzteres kann sich die Konzeption und Umsetzung maßgeschneiderter Instrumente zur Aktivierung von Unternehmern/Gründern mit Migrationshintergrund als zielführend erweisen. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass Maßnahmen zur Förderung des akteursübergreifenden Austauschs innerhalb des Ökosystems dazu beitragen, das unternehmerische und innovative Potenzial von Unternehmern auszuschöpfen. Erfolgreiche Unternehmer sichtbar zu machen, kann auch als Vorbild für zukünftige Generationen und Unternehmer insgesamt wirken.

Vorsicht bei Bezeichnungen und Verallgemeinerungen

Einerseits kann die Verwendung einer Kategorisierung als diskriminierend und als Zementierung des Labels an die jeweilige Kategorie angesehen werden. Andererseits wird bei Politiken ohne spezifische Kriterien und Kategorien die Förderung bestimmter Arten des Unternehmertums aufgrund fehlender Identifikation unmöglich. Die Politik muss ungenutztes unternehmerisches Potenzial reduzieren, indem sie einen tiefergehenden analytischen Ansatz verfolgt, der die Wege zu nachhaltigem Unternehmertum und wirtschaftlicher Selbstbestimmung von Menschen mit Migrationshintergrund und insbesondere das oft ignorierte Potenzial von Frauen versteht.

Zudem können populistische und einseitige Ansichten von Seiten der Bevölkerung gegenüber Unternehmern mit Migrationshintergrund politische und soziale Standortfaktoren erzeugen, die ein Umfeld für Investoren und Unternehmer mit Migrationshintergrund unattraktiv machen.

Unternehmertum in Zielgruppen denken und fördern

In den aktuellen Debatten wird häufig auf die Bedeutung der sogenannten Pull-Faktoren der Migration verwiesen. Diese unterscheiden sich jedoch von den unternehmerischen Pull-Faktoren. Hier müssen die politischen Entscheidungsträger auf faire und vertretbare Weise ein legitimes Gleichgewicht finden, das alle Untergruppen von Unternehmern, Einwanderern und Nicht-Einwanderern, anspricht, denn Unternehmer sind das Rückgrat jeder Wirtschaft. Politische Entscheidungsträger könnten die Unternehmensnachfolge fördern und den wichtigen Arbeitsplatzeffekt von Unternehmen mit Migrationshintergrund weiter erleichtern. Studien haben gezeigt, wie sorgfältig gestaltete Strategien unternehmerische Engpässe in Bezug auf die formelle Identität und den Status von Unternehmern reduzieren und dadurch die Standortattraktivität und Wettbewerbsfähigkeit verbessern.

Gut funktionierende, faire und integrative Institutionen, die die gemeinsame Entwicklung von Möglichkeiten, Finanzierung, Vernetzung und Wissensaustausch mit gezielten Dienstleistungen sowie die Umsetzung unternehmerischer Maßnahmen, insbesondere in verschiedenen Sprachen, fördern, sind wichtig für die Gründung erfolgreicher Unternehmen.

Unternehmertum von Migranten proaktiv denken und angehen

Derzeit ist die deutsche Diskussion über Migrantenunternehmen eher reaktiv als proaktiv bei der Entwicklung nationaler Antworten auf globale Fragen der Migration, des Unternehmertums und der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit. Diskussionen in Ländern wie Kanada, China, Portugal oder Finnland konzentrieren sich zunehmend auf die Entwicklung attraktiver Strategien und Rahmenbedingungen für erfolgreiches Unternehmertum und die Beschäftigung von Talenten, die wirtschaftliche und soziale Strukturen erhalten und aktualisieren. Beispielsweise geht China mit Themen wie Antisemitismus auf eine Weise um, die ein sicheres und lukratives Umfeld für israelische Unternehmer schafft, die neue Unternehmen in China gründen und in das Land investieren wollen. Kleinere Länder wie Portugal und Irland diskutieren darüber, wie sie Unternehmer im Bereich der neuen Energien anziehen können und so werden zunehmend auch zukunftsorientierte Branchen von Unternehmern mit Migrationshintergrund vertreten.

Ausdrückliche Unterstützung der Gründungsbemühungen internationaler Studierender

Mit Blick auf die Gründungsaktivitäten in und aus Hochschulen ist es wichtig, potenziell gründungswillige internationale Studierende zu aktivieren und mit Maßnahmenpaketen zu unterstützen. Hier liegt großes Potenzial vor allem für wissensintensive und technologienahe Start-ups, die den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken können.

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