Neuer muslimischer Verband in Deutschland will vereinen

Seit Jahren fragt sich der deutsche Staat, mit welchen islamischen Verbänden er vertrauensvoll zusammenarbeiten kann. Gesucht wird ein Verband, der die liberale, westliche Demokratie klar und eindeutig unterstützt, gleichzeitig aber auch eher konservative Musliminnen und Muslime ansprechen kann. Das „Bündnis Malikitische Gemeinde“ könnte ein solches Profil erfüllen.

Bislang haben in Deutschland noch immer die großen klassischen Vertretungen des Islam wie „Ditib“, „Islamrat“ oder „Zentralrat der Muslime“ das Sagen und sind die offiziellen Ansprechpartner für den deutschen Staat. Allerdings werden sie immer mehr zu einem Problem für die Politik: Vom Ausland gesteuert, nationalistisch, reaktionär oder extremistisch geprägt. Daher gibt es immer mehr Offizielle auf Bundes- und Landesebene, die nur ungern mit diesen Organisationen zusammenarbeiten. Leider haben sie noch einen Trumpf im Ärmel, den sie wieder und wieder ausspielen, ja, mit dem Argument sogar Druck auf die deutsche Politik ausüben können: Sie beherbergen einen großen Teil der organisierten Muslime in Deutschland. Zwar haben auch Gruppen sich zusammengefunden, die einen ganz neuen Islam vertreten wollen, Beispiele sind in Berlin bei der Ibn-Rushd-Moschee von Seyran Ates zu finden, aber sie sind meist eher eine One-Man/Woman-Show, ohne Gemeinde, eher eine Form der Vermarktung einer Person.

Solche Vereine wurden zwar lange auch finanziell durch deutsche Behörden unterstützt, immer mehr scheint aber auch dort die Erkenntnis zu wachsen, dass diese Gemeinden zwar gerne als Aushängeschild eines modernen Islam in Europa, mit Schwulen und Lesben an Bord, auftreten, aber die Gläubigen nur kopfschüttelnd an den Vereinshäusern vorübergehen. „Für die Hipster in Kreuzberg und Prenzlauer Berg mag das Konzept toll klingen, nur geht es völlig an der Realität der hier lebenden gläubigen Musliminnen und Muslime vorbei“, so ein Sprecher des Berliner Innenministeriums gegenüber MENA Research Center. „Auch hier ist der Staat gefordert, nicht immer auf die gleichen Pferde zu setzen, sondern wir müssen uns umschauen nach tragfähigen Partnern, die gemeinsam mit uns und ihren Gemeinden etwas tun wollen, für die Gesellschaft und für die Gläubigen!“

Nun aber scheint sich ein islamischer Verband zu etablieren, der den konservativen Mainstream anspricht, aber auch eine Wirkung auf urbane, liberalere Strömungen des Islam in Deutschland besitzt: das 2008 gegründete „Bündnis Malikitische Gemeinde“ (BMG) mit Sitz in Düsseldorf. Der Verband sagt, dass mittlerweile rund 40.000 Gläubige (ca. 200.000 allein im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen) das Angebot seiner Moscheegemeinden und sozialen Organisationen nutzen.

Darunter sind auch viele Muslime zu finden, die früher in die traditionellen Moscheeverbände gegangen sind. „Wir fühlen uns hier abgeholt, in unserem Glauben, aber auch im Verständnis dafür, dass wir nicht in Anatolien sind, sondern in Deutschland, mit ganz anderen Voraussetzungen“, so ein 60-jähriger türkischer Muslim, der noch bis vor ein paar Jahren in eine Kölner Ditib-Moschee ging. „Mein Sohn hat mich davon überzeugt, dass ich hier genauso meinen Glauben leben kann, allerdings ohne immer wieder vom Imam zu hören, ich soll Erdogan loben wo es nur geht und mich ja nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren.“

Das Bündnis wird mittlerweile auch von deutschen Regierungsstellen wahrgenommen und auch finanziell unterstützt, zum Leidwesen der noch großen Islam-Verbände in Deutschland: Denn der Einfluss der Großen könnte bald abnehmen, damit auch die finanziellen Zuwendungen. Auch gibt es bereits Moscheegemeinden, die die traditionellen Verbände verlassen haben und sich dem BMG anschlossen.

Im deutschen Innenministerium findet man lobende Worte für einen Islam-Verband, der weder liberal noch reaktionär ist, sondern behutsam konservativ auftritt. Das Bündnis orientiert sich an einer der größten Rechtsschulen im Islam, der malikitischen Schule, während Radikalreformer wie der Liberal-islamische Bund Rechtsschulen als veraltet ablehnen. Die Schule gilt laut Experten in ihrer Theorie als konservativ. Frauen zum Beispiel können keine Vorbeterinnen werden, ähnlich zur katholischen Lehre, wo Frauen das Priesteramt weiterhin versagt bleibt. Dafür öffnete das BMG zum Entsetzen reaktionärer Verbände die Ämter der Gemeindeleiter und Prediger für Frauen.

Auch wenn der Verband der Meinung ist, Homosexualität sei „unislamisch“, bieten seine Gemeinden Seminare gegen Homophobie an. Dort wird Toleranz als wahre, traditionell islamische Umgangsform gegenüber LGBTQ+ gelehrt. Aussprüche aus der Überlieferung des Propheten, die dem zu widersprechen scheinen, werden uminterpretiert. Denn „Diskriminierung und Ausgrenzung haben keinen Platz in unserem Verband“.

Ein wichtiger Aspekt ist auch der Einfluss aus dem Ausland: Das Bündnis lehnt jede Einmischung ausländischer Staaten ab, lässt seine Imame und Theologen an deutschen Fakultäten ausbilden und gibt Broschüren heraus, in denen Muslime von ihrer Liebe zur deutschen Heimat berichten, in den Moscheen wird Deutsch gesprochen.

Mittlerweile ist das BMG Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und sitzt in der Kommission, die den islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen gestaltet. Auch finanzieren Bund und Länder viele BMG-Projekte. Die staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft dürfte auch nur noch eine Frage der Zeit sein.

Noch werden Vertreter des Bündnisses von den traditionellen Verbänden gemieden bzw. ignoriert. Bei Zusammentreffen wie der Islamkonferenz werden sie von Ditib wie Aussätzige behandelt. Vielleicht ausnahmsweise ein gutes Zeichen.

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