Online-Kurse zu Terrorakten

Wie knapp entging Deutschland kürzlich einem Anschlag auf eine Synagoge, auch an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, an dem vor zwei Jahren ein Attentäter in Halle an der Saale zuschlug? Im nordrhein-westfälischen Hagen sitzt derzeit ein 16-jähriger Syrer in Untersuchungshaft, der einen Bombenanschlag auf die dortige Synagoge vorbereitet haben soll. Sein Name ist Oday J. Mehr als 50 Spezialpolizisten haben an seinem Fall gearbeitet, darunter letzte Woche ein Richter des örtlichen Bezirksgerichts.

Der Fall ist außergewöhnlich. Der 16-Jährige, so viel steht fest, hatte keine Waffen und keine Bomben gebaut. Er hatte noch nicht einmal die Zutaten für Sprengstoff gekauft, alles ging in seinem Kopf und im virtuellen Raum vor sich, wie es scheint. Doch zumindest aus Sicht der Ermittler und des Richters reichte es für einen schwerwiegenden Verdacht: Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat.

Auf dem Handy des Verdächtigen, der im Rahmen einer Familienzusammenführung als Flüchtling eingewandert ist, haben die Beamten nun große Mengen Propagandamaterial gefunden. Flugblätter der Terrormiliz „Islamischer Staat“, darunter Enthauptungsvideos. Der Angeklagte hat offenbar per Whatsapp an einem Online-Kurs zum Bombenbau teilgenommen, „unkonventionelle Spreng- und Brandsätze“, wie die Ermittler sie nennen. Dieser Dialog verdient besondere Aufmerksamkeit.

Es stellt sich die Frage, ob Islamisten in Deutschland und Europa gerade wieder mit der Art von Gewalt beginnen, die am Mittwochabend Kongsberg in Norwegen erschüttert hat – koordiniert und geplant.

Am 17. August fragt der Leiter des Online-Kurses, der sich Abu Harb nennt, den 16-Jährigen auf Arabisch, wozu er eine Bombe brauche. Was will er damit? 11.41 Uhr Er antwortet: Sein Ziel ist eine Synagoge. Und wenige Sekunden später: Die Front der Synagoge wird von der Polizei bewacht. Aber hinten war es anders, er konnte den Sprengsatz dort platzieren.

Das kann nur Gerede sein. Ein Teenager, der wichtig sein will. Das beschreibt der Verteidiger. Aus Neugier nahm die 16-Jährige an solchen Chats teil und holte sich Anweisungen zum Bombenbau. Er wollte sehen, wie weit er damit kommen konnte, wie mit einem grausamen Computerspiel. Was sich hinter radikalen Online-Chats verbirgt, ist oft schwer zu sagen. Infolgedessen ergreifen die wenigsten tatsächlich Maßnahmen.

Die Ermittler geben auch zu, dass nicht viel passiert ist. Sie weisen jedoch darauf hin, was auf dem Handy des Tatverdächtigen noch gefunden wurde: eine Vielzahl von Fotos der Hagener Synagoge. Und die Länge seiner mehrwöchigen Chats sowie die Vielfalt der Themen und Kanäle, über die er seine Terrorfantasien austauschte, lassen vermuten, dass es für ihn längst mehr als ein Spiel ist.

Auf jeden Fall ist der Online-Lehrer sehr real, entschlossen und offensichtlich extrem gefährlich. Die Ermittler halten ihn nun für einen Sprengstoffexperten des möglicherweise im Irak ansässigen Terroristen ISIS, der auch über ein Instagram-Profil verfügt. Unter den dortigen Kontakten fanden die Ermittler sieben weitere Personen, die mit dem IS in Verbindung stehen. Bereits frühere islamistische Anschläge hatten gezeigt, dass die Terroristen von solchen Unterstützern online rekrutiert, angestiftet und teilweise sogar Schritt für Schritt angeleitet wurden. Es ist ein Muster. Das war beim Anschlag auf ein Weinfest in Ansbach vor fünf Jahren so, wie beim Anschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin. Dieses Muster soll es auch bei dem Anschlag in Wien im vergangenen November gegeben haben.

Offenbar versucht der IS in Deutschland neue Leute zu rekrutieren, auch jüngere. Ein ausländischer Geheimdienst wurde auf den aktuellen Fall des 16-jährigen Syrers in Hagen aufmerksam, und nur dank seines Hinweises machten die deutschen Behörden überhaupt auf sich aufmerksam. Am 16. September nahmen Spezialkräfte der nordrhein-westfälischen Polizei den Jugendlichen in Hagen fest. Sie holten ihn ab, als er morgens zum Bus ging, um zur Schule zu gehen.

Besonders besorgniserregend: Der Trainer hat mit solchen Versuchen bereits mindestens zweimal auf sich aufmerksam gemacht, einmal im Ausland und zuletzt erst vor wenigen Wochen in einem weiteren Fall in Deutschland. Im August nahm die Polizei im Berliner Stadtteil Schmargendorf einen 16-Jährigen fest. Er habe auch mit dem IS-Ideologen gesprochen, auch die Ermittler hätten den Jungen nach einem Hinweis eines ausländischen Geheimdienstes identifiziert. Anders als in Hagen hatte der junge Mann aus Berlin offenbar noch kein mögliches Ziel in Betracht gezogen, sondern bereits diverse Stoffe wie Motoröl und Eisbeutel gekauft. Einige von ihnen können verwendet werden, um Bomben herzustellen. Vorbereitung auf eine staatsgefährdende Gewalttat ist auch hier der Vorwurf.

Verstärkt der IS also wieder seine Bemühungen, Anschläge in Auftrag zu geben? Damit verbunden ist die Frage, ob der Online-Terrorist wieder im Auftrag des IS oder auf eigene Initiative handelt. Wie viele solcher Fälle gibt es möglicherweise, von denen die Sicherheitsbehörden nichts wissen?

Der 16-Jährige in Hagen weigerte sich, den Ermittlern das Passwort für sein Handy preiszugeben. Sie mussten es erst knacken, um seine Chats zu lesen. Die finale Analyse der Daten, die nun vier Wochen später bekannt wurde, ist noch lange nicht abgeschlossen.

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