Ost-West-Debatte – Islam und Gewalt

Islam und Gewalt – Die Frage, ob der Terror des sogenannten Islamischen Staates oder die Gewalttaten von Al-Qaida oder Boko Haram theologisch zu rechtfertigen sind, ob sie auf dem Islam selbst beruhen, beschäftigt Politikwissenschaft und Philosophie seit einigen jahren. So stellte beispielsweise das deutsche Magazin „Cicero“ die Frage: „Ist der Islam böse?“ Auch wenn ein Fragezeichen steht, ist es nur ein Fragezeichen von der Aussage entfernt, dass der Islam böse ist – und nur wenige Zeilen weiter kommt der Autor zu diesem Schluss. Er verwendet den berühmten Satz, der einst von Papst Benedikt zitiert wurde: „Zeige mir, was Neues Mohammed gebracht hat, und dort wirst du nur solche schlimmen und unmenschlichen Dinge finden, dass er den Glauben verschrieb, den er durch das Ausbreiten des Schwertes predigte.“[1 ] Meyers Fazit: ISIS handelt eigentlich nur das, wofür der Prophet selbst Vorbild war.

Auch in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ mit ihrer weitaus breiteren Leserschaft liest es sich nicht viel besser: Hier unterstreicht der palästinensische Psychologe Ahmed Mansour unwidersprochen, dass sich der IS inhaltlich am Mainstream-Islam orientiert, was viele Muslime praktizieren in Deutschland. Und auch Hamed Abdel-Samad behauptet: „Dieses Religionsgesetz ist überragend und wird nicht nur von Islamisten, sondern auch von vielen frommen Muslimen akzeptiert.“ Ja, in der Tat, er hat Recht. Doch die Schlussfolgerung, die er daraus zieht, ist fatal: „Das ist einer der Gründe, warum der IS mit wenigen tausend Kämpfern Millionenstädte erobern konnte.“

Wenn Sie so denken, ist es nur folgerichtig zu der generellen Linie, dass sich Muslime vom Islamischen Staat distanzieren müssen – die grundsätzliche Nähe von Muslimen zum IS-Terror wurde gerade erst argumentiert. Zwei Dinge sind besonders bizarr: Warum, glauben Sie, stehen deutsche Muslime den Muslimen näher, die Jesiden und Christen verfolgen, als denen, die ihnen zu Hilfe eilen und ihnen Zuflucht gewähren? Denn gerade Muslime versuchen, dem sogenannten Islamischen Staat ein Ende zu bereiten: Der Kampf gegen den Islamischen Staat ist kein Kampf zwischen dem Westen und den Muslimen. Schließlich sind es vor allem Araber, die in Syrien gegen die IS-Terroristen gekämpft haben, sowie sunnitische Kurden und schiitische Araber im Irak. Sie nehmen dort die christlichen und jesidischen Flüchtlinge auf und versorgen sie unter schwierigsten Bedingungen.

Die Ignoranz der Islamkritiker

Nach dem 11. September traten diese Phänomene ans Licht. Auch damals, als Zehntausende Muslime in Europa gegen den Terror der Islamisten auf die Straße gingen, hieß es noch: „Ihr geht nicht auf Distanz.“

Professoren der islamischen Theologie haben zu den Gräueltaten klar Stellung bezogen: „Wir lehnen Interpretationen des Islam strikt ab, die ihn zu einer archaischen Ideologie des Hasses und der Gewalt pervertieren“, heißt es in einer Erklärung. Sowohl islamische Autoritäten als auch dezidiert konservativ-traditionalistische Kreise haben Organisationen wie den IS als rundum barbarisch und unislamisch verurteilt.[2] Das gilt sogar für den Großmufti von Saudi-Arabien, Abdul Asis bin Abdullah al-Sheikh, der bisher nicht aufgefallen ist.

Aber wenn Islamkritiker diese Positionen und damit die islamische Theologie ignorieren und trotzdem behaupten, der Islam sei dem IS-Terror nahe, dann – das muss man sagen – ihr Islambild entspricht ziemlich genau dem der Fundamentalisten.

Beispiele für solch ein diffamierendes Islambild finden sich nicht nur in der Presse. Um nur stichprobenartig ein Beispiel herauszugreifen: In der Veröffentlichung einer deutschen Bürgerinitiative in Hessen, die sich gegen den Bau einer Moschee richtet, heißt es: Angesichts der Entwicklungen rund um die Terrororganisationen IS, Boko Haram u Al Qaida ist es unverständlich, dass eine Moschee gebaut werden soll. „Dass all diese Auswüchse nichts mit dem Islam zu tun haben sollen, können nur diejenigen glauben, die sich entschieden haben, von Amts wegen zu glauben: unwissende Politiker.“

Mit dem Islam der großen Mehrheit der Muslime und ihrer Autoritäten hat ein solches Islambild jedoch wenig zu tun. Dieser Islam, insbesondere der Mainstream-Islam, dem angeblich der Inhalt des IS-Terrors zugrunde liegt, soll im Folgenden näher betrachtet werden.

Klarer Widerstand gegen den IS-Terror

Um einen Einblick in die Haltung dieses Islams zur Gewalt zu geben, ist der Offene Brief von über 120 namhaften Gelehrten an die Anhänger des sogenannten Islamischen Staates besonders aufschlussreich. Die meisten dieser Gelehrten stammen aus einem konservativen Spektrum des Islam und sind keine modernen Reformer oder islamischen Aufklärer. Stattdessen behandeln sie die Ideologie und Koranbezüge von ISIS innerhalb einer dezidiert orthodoxen Denkstruktur. Dementsprechend kann man sie nicht ohne Weiteres als verwestlicht in eine bestimmte Ecke stellen, noch kann man ihnen vorwerfen, von der Masse nicht gehört zu werden.

Zu den Autoren gehören der Großmufti von Ägypten, Sheikh Shawqi Allam, sowie Sheikh Ahmad Al-Kubaisi, der Gründer der Ulama Association of Iraq. Unter ihnen sind Gelehrte vom Tschad über Nigeria bis zum Sudan und Pakistan. Offensichtlich brauchen sie die islamische Theologie, um sich klar gegen die Terroristen zu positionieren. Wie sonst ist zu erklären, warum islamische Gelehrte an Terroristen schreiben? Sie wehren sich ausdrücklich gegen die Behauptung, der IS werde das umsetzen, was „im Koran steht“, wie IS-Propagandisten oft als Rekrutierungsargument verwenden. Adressiert war der Brief an Ibrahim Awwad al-Badri, alias „Abu Bakr al-Baghdadi“, sowie an die Kämpfer und Unterstützer des selbsternannten „Islamischen Staates“. Es richtete sich auch an jene Muslime, von denen die Autoren befürchten, dass sie in die Fänge der IS-Propaganda geraten könnten. Al-Baghdadi, der 1971 im Irak geboren wurde und sich nach dem ersten Kalifen des Islam, Abu Bakr, nannte und mit dem Zusatz al-Baghdadi seinen Anspruch auf Bagdad, die Hauptstadt der abbasidischen Kalifen, geltend machte. Die Ausrufung eines Kalifats, also der politischen Nachfolge des Propheten, könne nach islamischem Recht nur im Konsens aller Muslime erfolgen, so die Autoren.

Die Autoren nennen insgesamt 24 Straftaten, derer sich der sogenannte Islamische Staat schuldig gemacht hat: „Es ist im Islam verboten, Abgesandte, Botschafter und Diplomaten zu töten; damit ist es auch verboten, alle Journalisten und Entwicklungshelfer zu töten.“ Oder: „Im Islam ist es verboten, Christen und allen anderen Schriftstellern – in jeder erdenklichen Weise – Schaden zuzufügen oder sie zu missbrauchen. Dschihad ist ein Teil des islamischen Verteidigungskrieges. Es ist ohne die richtigen Gründe, die richtigen Ziele und ohne das richtige Verhalten verboten. Es ist im Islam verboten, Menschen zur Konversion zu zwingen. Die Wiedereinführung der Sklaverei ist im Islam verboten. Es wurde durch allgemeinen Konsens abgeschafft. Es ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verweigern.“

Jede dieser Aussagen wird ausführlich begründet. So beschreiben die Autoren es als Pflicht aller Muslime, die Yeziden als Besitzer der Schriften zu betrachten: „Aus islamischer Sicht sind diese Menschen Majus, über die der Prophet […] gesagt hat: ‚Behandle sie wie die Schrift Besitzer.’“ Dementsprechend war es illegitim, sie zu Ungläubigen zu erklären oder gar als vogelfrei zu behandeln. Mit Fußnoten wird sauber dokumentiert, woher die Zitate stammen. In diesem Fall findet sich der Hadith bei Imam Malik und Imam ash-Shafi’i, zwei der vier Begründer der vier sunnitischen Rechtsschulen, also höchste Autoritäten.

Die Autoren gehen auch auf die Voraussetzungen der islamischen Rechtsprechung ein und sprechen dem selbsternannten Kalifen damit indirekt jede Autorität und Kompetenz zu rechtsverbindlichen Aussagen ab. Die Methodik wurde laut den Autoren im Koran von Gott und in den Hadithe von Mohammed festgelegt und fordert: Alles, was zu einer bestimmten Frage offenbart wurde, muss in seiner Gesamtheit betrachtet werden. Der Fokus darf nicht auf einzelnen Fragmenten liegen. Diese Methodik geht aus der Schriftstelle selbst hervor, einschließlich des folgenden Verses: „Glaubst du nur an diesen Teil des Buches und leugnest den anderen?“[3]

Wenn alle relevanten Passagen zusammengebracht werden, muss das „Allgemeine“ vom „Besonderen“, das „Bedingte“ vom „Absoluten“ und die eindeutigen Verse vom Mehrdeutigen unterschieden werden. Dann müssen die „Gelegenheiten der Offenbarung“, die Asbab al-Nuzul, für all diese Verse sowie alle anderen hermeneutischen Bedingungen, die die klassischen Gelehrten aufgestellt haben, eingeschlossen werden. Nur dann wird Gerechtigkeit ausgesprochen oder eine Interpretation gegeben, basierend auf allen verfügbaren schriftlichen Quellen.

Mit anderen Worten, man kann keinen Vers interpretieren, ohne den gesamten Koran und alle Traditionen zu beachten. „Es ist nicht erlaubt […], aus den Koranversen einfach das Sahnehäubchen herauszupicken, ohne sie in ihrem Gesamtzusammenhang zu verstehen“, um sich miteinander zu versöhnen. Die islamischen Gelehrten beziehen sich auf Imam al-Shafi’i und auf einen universellen Konsens aller Gelehrten der Rechtstheorie.

Der Koran ist keine Lizenz zur Anwendung von Gewalt

In diesem Zusammenhang beschäftigen sich die Autoren auch mit jenen Koranversen, die Gewalt zu legitimieren scheinen: „Diejenigen, die bekämpft werden, durften kämpfen, weil ihnen Unrecht getan wurde.“[4] Meistens sind es diese und ähnliche Verse des zweiten Sure, die Islamkritiker negativ und Dschihadisten positiv zitieren, um die angebliche Gewaltbereitschaft oder -notwendigkeit des Islam zu beweisen. Die Gelehrten hingegen beziehen diese Verse ausschließlich auf ein konkretes Ereignis – gerade weil sie alle anderen Texte und vor allem die Ursache der Offenbarung in die Auslegung einbezogen haben.

Folglich handelt der Vers nur von folgender konkreter Situation: Im Jahr 630 n. Chr. marschierte der Prophet in Mekka ein, um gegen die heidnischen Mekkaner zu kämpfen, und brach damit einen Friedensvertrag, den er selbst zwei Jahre zuvor geschlossen hatte. Sein Handeln bedurfte einer Legitimation, die ihm der Vers liefert: Die Mekkaner konnten bekämpft werden, weil sie zuvor gegen die Gemeinde des Propheten gesündigt hatten. Sie hatten seine Anhänger vertrieben und wollten ihn töten. Eine allgemeine Anweisung für alle Muslime lässt sich aus dem Vers daher nicht ableiten. Die Autoren erklären: „Deshalb ist der Dschihad mit mangelnder Sicherheit, dem Entzug der Religionsfreiheit oder mit Betrug und Vertreibung aus dem eigenen Land verbunden. Diese Verse wurden nach dreizehn Jahren Folter, Mord und Verfolgung offenbart. Es gibt keinen offensiven und aggressiven Dschihad, nur weil Menschen einer anderen Religion angehören oder eine andere Meinung haben.“

Diese Lesart ist keineswegs modern oder westlich inspiriert. Denn hier kommt eine Methode zum Einsatz, die es in den islamischen Wissenschaften seit Jahrhunderten gibt. Ein ganzer Zweig davon beschäftigt sich mit den oben erwähnten Gelegenheiten zur Offenbarung. So ist man immer von einer dialektischen Beziehung zwischen Text und Adressat ausgegangen und hat nach dem Kontext gesucht, in dem ein Vers offenbart wurde, um seine Bedeutung und Tragweite besser zu verstehen. Ein Einzelfall wie der in dem Vers beschriebene kann nicht als Präzedenzfall für andere ähnliche Situationen dienen. Obwohl das islamische Recht im Wesentlichen durch das Denken in Präzedenzfällen bestimmt wird, „ist es nicht erlaubt, einen bestimmten Koranvers mit einem Ereignis in Verbindung zu bringen, das 1400 Jahre nach seiner Offenbarung stattgefunden hat.“

Fest steht: Die islamische Theologie verfügt über ausreichende argumentative Ressourcen, um dem sogenannten Islamischen Staat entgegenzutreten.

Ein Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom behauptet in einem viel gelesenen Artikel in der Schweizer „Neuen Zürcher Zeitung“ das Gegenteil: „Der IS ist keine Ketzerei, […] sondern handelt genau danach Muster kriegerischer islamischer Expansion, das sich in der Geschichte wiederholt hat. Vorbild ist Mohammed selbst. Legitimationsgrundlage sind der Koran und das islamische Recht, die Scharia. Darin begründet sich die theologische Misere muslimischer Intellektueller: Aufgrund ihrer religiösen Tradition können sie den IS-Terrorismus nicht grundsätzlich verurteilen.“

Auch wenn die islamischen Gelehrten die Anwendung körperlicher Züchtigung an strenge Kriterien binden, können sie bezweifelt werden. Sie wenden sich auch gegen sexuelle Gewalt, wenn sie die Wiedereinführung der Sklaverei kritisieren und die Tatsache missbilligen, dass der Islamische Staat Frauen ihrer Rechte beraubt. Doch ein Bekenntnis zur Gleichberechtigung sucht man vergeblich. Was Frauenrechte betrifft, stecken die Autorinnen offenbar noch in traditionellen Strukturen fest. Hier muss deutlich klarer Stellung bezogen werden und deutlich gemacht werden, dass körperliche Züchtigung und Geschlechterdiskriminierung im 21. Jahrhundert nicht nur mit den Werten des Westens, sondern auch mit dem Ethos des Islam unvereinbar sind.

Andere islamische Denker haben dies bereits getan und Gleichberechtigung gefordert. Als Frauenrechtlerin kann man zum Beispiel mit dem Geist argumentieren, der aus den koranischen Bestimmungen oder der maqasidischen Asch-Schari’a, den Zielen der Religion, spricht. Die Begründung kann wie folgt lauten: Der Koran hat die Situation der Frauen verbessert. So verbietet es beispielsweise die damals übliche Tötung weiblicher Säuglinge. Und es gewährte den Töchtern die Hälfte des Erbes, das ihre Söhne bekamen. Vollständige Gleichberechtigung konnte nach diesem Ansatz jedoch nicht hergestellt werden, da dies in der damaligen Gesellschaft nicht übertragbar gewesen wäre. Aber durch die stattgefundene Verbesserung ist das Ziel der Prophetie klar erkennbar. Und in diesem Sinne muss heute Gleichberechtigung erreicht werden. Mit diesem Ansatz findet man auch eine Lösung für Sure 4:34, den sogenannten Züchtigungsvers – den Vers, der offenbar Gewalt gegen Frauen legitimiert: Gerade aufgrund der damaligen Situation konnte Gewalt gegen Frauen nicht abgeschafft werden, aber die Ziel der Prophetie ergibt sich allein aus der Tatsache, dass der Prophet, also der erste Koranausleger, seine Frauen nie geschlagen hat.

Deutlich liberalere Denker als die konservativen Islamwissenschaftler haben andere Methoden entwickelt, um die Botschaft des Korans in die Gegenwart zu tragen, wie etwa die Methode der sogenannten „Doppelbewegung“ des Pakistaners Fazlur Rahman. Ihm zufolge muss man zuerst den Kontext studieren, in dem der Koran gepredigt wurde. Nur so kann die ursprüngliche Nachricht verstanden werden. Daraus lassen sich in einem zweiten Satz die Prinzipien und Werte ableiten, die der Koran als Norm propagiert.

Rahman kritisiert auch einen Ansatz der Exegese, der den Koran als eine Reihe isolierter Verse betrachtet und damit kein Verständnis der koranischen Weltsicht vermittelt. Er schrieb, dass viele Muslime nicht verstanden, dass der Koran eine Einheit ist. Stattdessen seien sie „atomistisch vorgegangen“. Diese fragmentarische Behandlung des Korans hat in der Neuzeit zugenommen. Aber Fazlur Rahman und mit ihm viele von ihm sehr Beeinflusste gehen inhaltlich viel weiter als die Traditionalisten – Rahmans Ansatz der Doppelbewegung führt zu einer islamischen Rechtfertigung einer pluralistischen Religionstheologie und lehnt nicht nur Gewalt gegen Andersgläubige ab , sondern verspricht ihnen sogar einen Platz im Himmel.[5]

Was Fundamentalisten und Islamkritiker verbindet

So unterschiedlich die Ansätze der konservativen Gelehrten und der modern-liberalen Autoren auch sein mögen, Tatsache ist, dass auch die Traditionalisten von einem Zusammenhang zwischen Offenbarung und Geschichte ausgehen und auf der Notwendigkeit bestehen, auch scheinbar eindeutige Verse zu schaffen, um sie einer detaillierten sprachlichen und sprachlichen Unterwerfung zu unterziehen historische Interpretation, anstatt sie einfach wörtlich zu nehmen. Dabei betrachten sie den Koran in seinem Gesamtzusammenhang und immer mit Blick auf seine Auslegungsgeschichte. Andererseits ist das Herausgreifen einzelner Verse aus dem Koran zur Untermauerung der eigenen Thesen, wie es von Islamkritikern und Fundamentalisten gleichermaßen praktiziert wird, aus islamisch-theologischer Sicht grotesk, mehr noch: es ist a Zeichen völliger Ignoranz. Der Koran ist kein Steinbruch, und Suren Ping Pong gehören nicht zum Kanon der islamischen Wissenschaft.

Fundamentalisten, aber auch die bekannten Islamkritiker, missachten eine 1400 Jahre alte Wissenschaft, wenn sie davon ausgehen, dass sich der Koran ohne Rückgriff auf die aufwändigen Methoden seiner Interpretation selbst verstehen würde. Dass sie von diesen Methoden noch nie gehört hat, zeigt beispielsweise der Aufruf der Publizistin Necla Kelek zur Islamwissenschaft: „Die friedliebenden Muslime werden den Fundamentalisten gegenüber hilflos argumentieren, solange sie nicht bereit sind, den Koran als historisch und historisch einzubeziehen der Text ist zu hinterfragen und der Zweifel als berechtigt anzusehen.“[6] Aber genau das hat die islamische Wissenschaft schon immer getan: Sie betrachtet das Buch in seinem historischen Kontext – und das nicht erst seit heute. Einen Islam jenseits seiner Auslegung durch Muslime und muslimische Theologie, die ihrerseits äußerst heterogen sind, gibt es nur im Fundamentalismus der Krieger und Kritiker.

Verweise

[1] Ausgabe August 2014

[2] http://www.lettertobaghdadi.com

[3] Sure 2:84

[4] Sure 22:39

[5] Fazlur Rahman: Hauptthemen des Korans; Chicago 1980 und Katajun Amirpur: Re-think Islam – The Jihad for Democracy, Freedom and Women’s Rights, München 2013, S. 91-116

[6] Necla Kelek: Gewalt und Unterdrückung im Islam. Eine Religion der Willkür; www.nzz.ch