Rassismus in Tunesien: Flüchtlingsströme erschüttern Nordafrika

Von Jonathan Mayne, Reporter in Tunis

Die Zahl der Migranten und Flüchtlinge, die auf den südlichen Inseln Italiens nahe der Nordküste Afrikas ankommen, ist die größte seit elf Jahren. Die italienischen Behörden zählten Anfang dieses Monats innerhalb von 24 Stunden mehr als 1.000 Migranten und Flüchtlinge. Für die Migrationswelle über das südliche Mittelmeer gibt es keine genauen Zahlen, was verlässliche Prognosen für die kommenden Wochen und Monate erschwert. Denn vor allem aus tunesischen Hafenstädten legen viele kleine Boote ab, deren Besatzung von Zwischenhändlern an italienische Strände eskortiert und dort entgegengenommen werden, ohne von der italienischen Küstenwache entdeckt zu werden.

Weil viele Verunglückte und Boote spurlos verschwunden sind, gehen Aktivisten aus Tunesien und Libyen davon aus, dass sich bis Anfang August weit mehr als die offiziell in Italien registrierten 34.000 Menschen über das Mittelmeer gewagt haben.

Hunderte Menschen in Seenot warten an Bord von Rettungsbooten darauf, an Land zu gehen. Mehrere NGOs haben nach eigenen Angaben in den letzten Wochen fast 500 Menschen gerettet.

Auch die Auffanglager in Süditalien sind überfüllt. Laut italienischen Medien beherbergt das Lager auf Lampedusa 1.200 Tunesier und Migranten aus Subsahara-Afrika. Das mit Stacheldraht eingezäunte Gelände wurde für 300 Menschen gebaut. Das Mittelmeer wird mittlerweile als die gefährlichste Flüchtlingsroute der Welt bezeichnet.

Schätzungen zufolge warten derzeit 15.000 Migranten in Tunesien auf einen legalen Status. Geschäfte werden jetzt geschlossen, weil zu viele schwarze Kunden die Geschäfte besuchen. „Das ruiniert den Ruf des Viertels“, sagt ein Eigentümer in Tunis.

„Ich würde gerne hier leben, denn die, die es über das Mittelmeer geschafft haben, sagen, wie teuer das Leben in Europa ist“, sagt ein Flüchtling, der auf einer Olivenplantage Arbeit gefunden hat. Aber ohne Pass bekommt er weder eine Arbeitserlaubnis noch einen Aufenthaltstitel in Tunesien. Weil sich das von Präsident Kais Saied im vergangenen Sommer abgesetzte Parlament nicht auf ein Asylgesetz einigen konnte, halten sich Migranten und Flüchtlinge illegal in Tunesien auf.

„Wir sind allein auf das Wohlwollen von IOM, UNHCR oder der Polizei angewiesen“, sagt er. Wie viele andere Migranten wirft er den tunesischen Mitarbeitern der Vereinten Nationen und der Hilfsorganisation Roter Halbmond Rassismus und das Vorenthalten von Unterstützungsleistungen vor. Kommunalpolitiker fordern mehr Hilfe von den Regierungen in Tunis und Brüssel. „Die Wirtschaftskrise nach der Corona-Pandemie hat auch zu einer beispiellosen Abwanderung junger Menschen aus Westlibyen und Südtunesien geführt. Aber die Welt wird erst aufwachen, wenn der nächste große Schiffbruch passiert.“

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